Die Professur wird im Sommersemester 2004 erstmals besetzt, und zwar mit Professor Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter (Gießen, Deutschland).

Professor Richter hat einen bedeutenden Namen als Psychoanalytiker, Psychiater und Sozialphilosoph. Er ist Autor viel respektierter Werke wie: „Eltern, Kinder und Neurose“, „Der Gotteskomplex“, „Alle reden vom Frieden“, „Als Einstein nicht mehr weiterwusste“, „Das Ende der Egomanie“, „Chance des Gewissens“ und „Wanderer zwischen den Fronten“. Er hat einen wesentlichen Beitrag zur Analyse zeitgeschichtlicher Entwicklungen geleistet und sich für den Frieden und für eine konstruktive internationale Zusammenarbeit persönlich sehr engagiert. Das Sir Peter Ustinov Institut schätzt sich glücklich, Herrn Professor Richter für diese Aufgabe gewonnen zu haben.

Professor Richter bietet sowohl eine (öffentlich zugängliche) Vorlesung als auch ein (auf 25 TeilnehmerInnen beschränktes) Seminar zum Thema „Umgang mit dem Bösen“ an. Beide Lehrveranstaltungen werden eine Sozial- und Wirkungsgeschichte des „Bösen“ (Manichäische und vorurteilsbeladene Weltbilder und Praxis) von der Antike bis zur Gegenwart in der Philosophie, Religion und Politik zum Gegenstand haben.

Die Vorlesung ist öffentlich zugänglich und findet geblockt in der Zeit vom 22. März bis 2. April 2004 sowie vom 14. bis 25. Juni 2004 statt. Die Termine für den 2. Block sind der 14., 16., 18., 21. und 23. Juni, jeweils von 18.00 bis 19.30 Uhr, Hörsaal C1, Uni-Campus, Hof 2, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien.

Das Programm der beiden Lehrveranstaltungen:

1.Teil: Das Böse im Frühchristentum und im Mittelalter

Einklang des griechischen Menschen mit dem göttlichen Kosmos. Es gibt das seelische Höhere und das Niedere (Platon), also noch keine Gut/Böse Spaltung. Allmähliches Schwinden des antiken Weltvertrauens. Flucht aus Depression und Angst in fieberhafte Ausgelassenheit: Rom als „Hure Babylon“. Senecas Gedicht vom Weltende. Die Apokalypse des Johannes. Christliche Heilshoffnung im Kampf mit dem Dualismus der Manichäer. Augustins Gnadenlehre gleichzeitig eine Herrschaftsgarantie der Kirche. In der Inquisition verfolgt der Klerus das projizierte eigene Schlechte. Die Psychopathologie des Kreuzzugs-Wahns. Versöhnungsgedanken in der arabischen (Ibn Rushd), der jüdischen (Maimonides) und der christlichen Philosophie (Albertus Magnus). Die Verschlingung des Bösen mit dem Heiligen: Elisabeth, Franziskus, Klara in der Verflochtenheit mit den Ketzerverfolgern Konrad von Marburg bzw. Papst Gregor IX.

2.Teil: Das Böse in der Neuzeit

Die Naturwissenschaft als neue Magie auf dem Weg der wahnhaften Selbstvergöttlichung des Menschen. Aus der mittelalterlichen Ohnmacht zum neuzeitlichen Bemächtigungswillen. Aus Angst vor Rückfall in Schwäche Flucht in Allmachtshoffnungen. Abspaltung der Sensibilität gleich Minderwertigkeit, gleich Weiblichkeit von Rationalismus, gleich Fortschritt, gleich Mannhaftigkeit.
Nietzsche versus Schopenhauer.
Die Explosion megalomanischer Technik auf Kosten der Selbstversklavung der Menschen (General Bradley: „Wir leben im Zeitalter der nuklearen Riesen und der ethischen Zwerge.“) Die Hexenjagden der Neuzeit. Die Gewaltkette der Moderne: Terrorismus Krieg als undurchschaute gemeinsame Selbstzerstörung. Visionäre und Kämpfer für Humanisierung: Brandt, Gorbatschow, Mandela, Friedensbewegung, attac: Eine andere Welt ist möglich!

Literatur 1. Teil

Flasch, K.: Augustinus Bekenntnisse. Reclam

Segl, P. (Hg.): Die Anfänge der Inquisition. Böhlau, Köln 1993

Erbstösser, M.: Die Kreuzzüge. Bastei/Lübbe Tb. 64159

Feld, H.: Franziskus und seine Bewegung. Primus Verl. Darmstadt 1996

Burckhardt, J.: Die Kultur der Renaissance in Italien. Reclam

Literatur 2. Teil

Richter, H.-E.: Der Gotteskomplex. Econ Tb

Schopenhauer, A.: Über das Fundament der Moral

Nietzsche, F.: Zur Genealogie der Moral

Mandela, N.: Der lange Weg zur Freiheit

Richter, H. E.: Ist eine andere Welt möglich? Kiepenheuer & Witsch 2003

Bauman, Z.: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1992