Veranstaltungsnachlese

 

Podiumsdiskussion „Zwei Jahre nach dem großen Flüchtlingszustrom:
Was haben wir geschafft?“

 

Am Mittwoch, den 4. Oktober 2017 präsentierte das Sir Peter Ustinov Institut das Policy Paper „Zwei Jahre nach dem großen Flüchtlingszustrom: Was haben wir geschafft?“ im Presseclub Concordia.

Zukunftsweisende Fragen, denen sich Politik, Gesellschaft und Medien stellen müssen, waren bereits Gegenstand der Debatte renommierter ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen eines zweitägigen wissenschaftlichen Symposiums im Juni 2017:      

  • Wie kann die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen gelingen?
  • Wie soll Teilhabe am Arbeitsmarkt, an der Bildung und am gesellschaftlichen Leben sichergestellt werden?
  • Was wurde bereits erreicht und welche Herausforderungen stehen noch bevor?

    Ein auf dieser Konferenz basierendes Policy Paper mit konkreten Forderungen an die für Integration zuständigen politischen Einrichtungen wurde bei der Veranstaltung im Oktober 2017 präsentiert und öffentlich diskutiert. Ziel war es, einen Aktionsplan basierend auf den „Lessons Learned“ zu erarbeiten, der in der Praxis umgesetzt wird. 

 

Ein Programm zur Veranstaltung finden Sie hier

 

Ein Medienbericht der Wiener Zeitung zur Veranstaltung: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/integration/gesellschaft/9212...

 

Veranstaltungsnachlese

„Flucht, Solidarität und Ökonomie“

unter der Leitung von Karin Scherschel (Universität Wien) &
 Kristina Binner (Institut für Soziologie, Johannes Kepler Universität Linz)

am Freitag, 30.06.2017 & Samstag, 01.07.2017 am Institut für Zeitgeschichte/Universität Wien

 

Die Zunahme der Fluchtmigration hat in Deutschland und Österreich kontroverse Debatten und Reaktionen ausgelöst. Einerseits hat diese Migration in den letzten beiden Jahren ehrenamtliche Akteure in ungekanntem Maße mobilisiert. Ein „Europa von unten“, das von Solidarität, einem humanitären und demokratischen Selbstverständnis getragen wird, scheint möglich. Andererseits formieren sich europaweit rechtspopulistische Bewegungen. Gewalttätige Angriffe gegen Flüchtlinge nehmen in beiden Ländern zu. In den öffentlichen Debatten stehen universalistische, an Menschenrechten orientierte Begründungen zur Aufnahme von Fluchtmigrant*innen nationalökonomischen Nutzenargumenten zu ihrer Abwehr gegenüber.

Der Workshop „Flucht, Ökonomie und Solidarität“ brachte Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen aus beiden Ländern zusammen, um Spannungsfelder im Bereich der Bildung, der Erwerbsarbeit, der Sozialen Arbeit und des Ehrenamtes und die damit verbundenen Fragen zu diskutieren. 

Die Vortragenden widmeten sich dabei folgenden Themen:

  • Karin Scherschel (Universität Wien) Eröffnung: „Flucht, Solidarität und Ökonomie – Diskussionslinien“ 
  • Albert Scherr (Pädagogische Hochschule Freiburg): „Flüchtlinge: Was kann und soll Soziale Arbeit leisten?“
  • Marion Hackl, Winfried Moser (Institut für Kinderrechte, Wien): „Zugänge und Zumutungen. Bildung und Beschäftigung junger geflüchteter Menschen in Österreich“
  • Claudia Globisch (Universität Innsbruck): „Solidaritätsbrüche in Migrationsgesellschaften: Abstiegsängste und der Extremismus der Mitte“
  • Silke van Dyk (Friedrich Schiller Universität Jena): „Zur politischen Ökonomie des Helfens. Flüchtlingspolitik und Engagement im Strukturwandel des Wohlfahrtsstaats"
  • Kristina Binner (Johannes Kepler Universität Linz): „Widersprüchliche Anforderungen und Logiken in der Sozialen Arbeit – ein neoinstitutionalistischer Blick“ 
  • Irene Messinger (Fachhochschule Campus, Wien):  „Ausbildungswege und -standards zur Etablierung der Flüchtlingssozialarbeit in Österreich“ 
  • Ilker Ataç (Universität Wien), Sara de Jong (The Open University): „Aktivismus und Service: Flüchtlingsunterstützungsorganisationen in Wien“
  • Brigitte Aulenbacher (Johannes Kepler Universität Linz): Vorstellung der Buchreihe „Arbeitsgesellschaft im Wandel“ im Beltz Juventa Verlag

 

 

Veranstaltungsnachlese

Gastvortrag im Rahmen der Vorlesungsreihe der aktuellen Ustinov-Gastprofessur von

Dr. Ilker Atac

zum Thema

‘Refugee Protest Camp Vienna’: durch Protest zur Bürgerschaft  

am Donnerstag, 1. Juni 2017 an der Universität Wien

 

The Refugee Protest Camp Vienna“ startete im Jahr 2012 als Protest gegen die Zustände im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, sowie Probleme im Asylverfahren. Was als Protestmarsch anfing, verwandelte sich in eine sichtbare Protestbewegung von Asylsuchenden und Aktivist*innen. In diesem Vortrag hat Ilker Atac ausgeführt, wie die Protestbewegung durch eine Form von „contentious politics“ gegen die Ausgrenzungspolitiken stand und inwiefern der Bewegung eine Verbesserung der Rechte und Lebensbedingungen der Asylsuchenden gelang. Im Zentrum standen unterschiedliche Widerstandsformen, Formen der Mobilisierung und des kollektiven Handelns und wie die Bewegung von sozial isolierten Räumen ins Zentrum der Stadt wechselte, dort ein Protestcamp im Sigmund-Freud-Park aufstellte, und im weiteren Verlauf Schutz in der Votivkirche aufsuchte. Im Vortrag wurde auch diskutiert, inwiefern die räumlichen Strategien der Protestbewegung für den Aufbau von sozialen Beziehungen eine wichtige Rolle spielten.

 

       

Veranstaltungsnachlese

„Schaffen wir das? Zwei Jahre nach dem großen Flüchtlingszustrom“

 

Im Rahmen der Wissenschaftliche Konferenz des Sir Peter Ustinov Instituts 2017 unter der Leitung von Prof. Dr. Dirk Hoerder am 18. und 19. Mai 2018 wurden folgende Fragen thematisiert:

Wie kann eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen in Österreich gelingen? Wie kann Diskriminierung entgegengewirkt und rasche, umfassende Teilhabe am Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden? Welche Schritte sind bereits erfolgreich realisiert worden und welche Herausforderungen stehen noch bevor?

 

Bei der Fachkonferenz „Schaffen wir das? Zwei Jahre nach dem großen Flüchtlingszustrom“ am 18. Mai zeigten renommierte internationale WissenschaftlerInnen wie der Migrationsexperte Dirk Hoerder (Arizona State University), die Flüchtlingsforscherin Karin Scherschel (Universität Wiesbaden), der Politikwissenschaftler Phil Triadafilopoulos (University of Toronto) sowie Andreas Peham (DÖW) auf, welche Faktoren für Integration entscheidend sind und vor welchen Herausforderungen Österreich noch steht. 

 

Vertiefende Workshops am 19. Mai fanden zu folgenden Themen statt: 

  1. Migration – Vielfalt – Einbeziehung: Arbeit mit und an Schulbüchern (Leitung: Dr. Christiane Hintermann)
  2. Herausforderungen im Beschäftigungsbereich (Leitung: Mag. Winfried Moser, Mag. Marion Hackl und Prof. Dr. Gudrun Biffl)
  3. Zivilgesellschaft und Diaspora (Leitung: Dr. Vedran Dzihic)
  4. Mit Eltern im Dialog? Zur Zusammenarbeit mit Eltern in elementar-pädagogischen Einrichtungen unter Berücksichtigung sozio-kultureller und migrationsspezifischer Aspekte (Leitung: Mag. Maria Fürstaller, Alexandra Csar & Claudia Veigl)

 

Das Tagungsprogramm finden Sie hier.

 

Medienbeiträge zur Konferenz finden Sie hier:

  • Wiener Zeitung - 18.5.2017 - "Man muss Probleme ansprechen" - Interview
  • Der Standard - 19.5.2017 - "Was wurde eigentlich aus der Flüchtlingskrise?" - Kolumne
  • Ö1 Europa Journal - 26.5.2017 - "Europa - Haben wir es geschafft?" - Bericht
  • Der Standard - 29.5.2017 - "Wir haben in der Flüchtlingskrise sehr viel geschafft" - Interview

 

Eine Zusammenfassung der Tagung von Dr. Hannes Swoboda:

 

FLÜCHTLINGSZUSTROM: WIE SCHAFFEN WIR DAS?

Dieser Beitrag baut auf dem Eröffnungsstatement auf, berücksichtigt aber auch einige Gedanken aus den Diskussionen. 
 

1) Wieviel können wir aufnehmen und integrieren?      
Immer wieder wird - meist von Gegnern der Flüchtlingsaufnahme - der Einwand vorgebracht, wir können nicht alle Flüchtlinge in Europa aufnehmen. Grundsätzlich kann ich da nur mit einem Ausspruch des ehemaligen französischen Premierministers Michel Rocard antworten: „Wir können sicherlich nicht das ganze Elend der Welt aufnehmen, wir müssen aber alle unseren Beitrag zur Minderung des Leids leisten."        

Offensichtlich ist es auch eine Frage der Größe und des Umfangs einer Aufgabe die mitbestimmt, ob man die Bewältigung der Aufgabenstellung schafft. Wobei es im konkreten Fall darum geht, Flüchtlinge (ob AsylbewerberInnen oder andere Schutzbedürftige) zu versorgen und sie in die Aufnahme-Gesellschaft einzuführen und zu integrieren. Dabei ist aber festzuhalten, dass Integration  bzw. Inklusion immer eine zweiseitige Angelegenheit ist, sie setzt Integrationswilligkeit bzw. -bereitschaft bei den Flüchtlingen/MigrantInnen, aber auch  der Aufnahmegesellschaft voraus. Der Rückgang des Flüchtlingszustroms hat uns sicher - zumindest vorübergehend - geholfen. Und dabei gilt es den Menschen vor allem in ihren Herkunftsländern und deren Nachbarschaft zu helfen. Aber das kann und darf keine Ausrede sein. Oft geschieht gerade seitens jener, die diese Sprüche führen, nichts oder viel zu wenig in den Herkunftsregionen der Flüchtenden.   

2) Wie schaffen wir Integration/Inklusion?

Integration bzw. Inklusion ist über verschiedene Kanäle möglich bzw. notwendig. Kindergarten, Schule, Berufsausbildung und Arbeit stehen dabei im Vordergrund. Damit sind öffentliche und private Teile/Organisationen unserer Gesellschaft angesprochen. Verständlicherweise haben die Bildungseinrichtungen eine besondere Bedeutung. Wichtig ist, dass die Flüchtlinge in Schulen und Klassen kommen, die geeignet sind, ihnen die Integration bzw. die Inklusion zu ermöglichen. Vorurteile hinsichtlich Herkunft dürfen nicht verfestigt werden. Die Bildungseinrichtungen müssen Beispiele für eine vielfältige Gesellschaft darstellen.  
 

Was nun die Integration in den Arbeitsmarkt betrifft, so weiß man wie wichtig das für die gesellschaftliche Einbindung ist. Dabei ist die Vorbildung der Flüchtlinge sehr verschieden und das Arbeitsmarktservice muss seine Ausbildungsmaßnahmen darauf abstellen, also sehr auf individuelle Voraussetzungen Rücksicht nehmen. Vielfach ist die Bereitschaft zu arbeiten sehr hoch, wenngleich manchmal kulturelle Unterschiede die kontinuierliche Arbeitsleistung durch ein und dieselbe Person - und nicht durch mehrere Familienmitglieder - nicht gewährleistet.      
 

Problematisch ist die Tatsache, dass diese Integration in Zeiten stattfindet, in denen die Prekarisierung der Arbeit zunimmt. Wichtig ist es, mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen schon zu Beginn der Asylverfahren zu beginnen. Allerdings wird das dann schwierig durchzuhalten, wenn - zum Beispiel wie im Falle Afghanistans - Flüchtende aus bestimmten Ländern immer weniger Chance auf Asyl oder vergleichbaren Schutz haben. Aber anderseits ist das auch eine effiziente Art der Entwicklungsunterstützung, wenn man Menschen, die wieder in ihre Heimat zurückkehren (müssen), eine Ausbildung gewährt.  
 

Grundsätzlich ist aber von den Unternehmungen, die ja immer wieder mehr Zuwanderung verlangen, zu erwarten, dass sie sich auch stark engagieren bei der Beschäftigung und der Ausbildung. Oft gibt es generelle Vorbehalte gegen Flüchtlinge, die schwer zu überwinden sind. 

 

Aber auch die Zivilgesellschaft spielt eine enorme Rolle. Sowohl die organisierte Zivilgesellschaft vom Roten Kreuz über die Volkshilfe zu den Kirchen haben auch in den letzten Jahren Enormes geleistet. Das trifft aber auch auf viele Menschen außerhalb solcher Organisationen zu, die sich oft sehr spontan zur Hilfestellung bereit erklärt haben. Die Frage ist ob und inwieweit der Staat bzw. einzelne staatliche Stellen diese Hilfestellungen der Zivilgesellschaft anerkannt und unterstützt haben. Und da gibt es berechtigte Zweifel. Leider hat man es verabsäumt die verschiedenen Formen der Zivilgesellschaft, vor allem die nicht institutionalisierten Formen, als  wichtige Partner in der Betreuung der Schutzbedürftigen anzuerkennen. Und da kann man durchaus von Ländern wie Kanada lernen.     
 

Besonders interessant und wahrscheinlich beispielgebend ist das "private sponsoring" wie es in Kanada entwickelt wurde. Private Personen oder Organisationen können -wenn sie nachwiesen können, dass sie über ein Jahr einen Flüchtling oder eine Flüchtlingsfamilie unterstützen können - das vom Staat organisiert tun. Auf diese Weise wird die Sorge um Flüchtlinge nicht abgeschoben, aber BürgerInnen werden involviert und tragen die Flüchtlingspolitik mit. Damit wird ein wesentlicher Beitrag zur sozialen Integration der Gesellschaft insgesamt und zur Inklusion der Flüchtlinge geleistet.   

3) Brauchen wir eine Leitkultur, in die integriert werden muss?

Viele stellen sich aber die Frage, ob es mehr bedarf als konkrete Hilfe und Unterstützung, um die Integration zu bewerkstelligen. Mit welcher Haltung müssen die Flüchtlinge/Zuwanderer an die Integration herangehen bzw. mit welchen "Werten" muss die Aufnahmegesellschaft die Flüchtlinge "ausstatten". Diesbezüglich ist in Deutschland die Leitkultur-Diskussion wieder einmal neu aufgeflammt. Der deutsche Innenminister De Mazieres hat dazu einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt. Bekannt ist vor allem der Ausdruck: "Wir zeigen unser Gesicht, wir sind nicht Burka." Aber auch das Handgeben ist ein Teil dieser von ihm propagierten Leitkultur. (Gilt das als Pflicht auch für orthodoxe Muslime ebenso wie für nicht-orthodoxe Muslime?) Aber auch die deutsche Geschichte und Kultur gehören dazu. Ebenso die Leistungsbereitschaft. Und: auch die besondere Rolle der Religion in einer Demokratie mit Religionsfreiheit: "In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft."   

Jedenfalls reichen das Grundgesetz und die anderen Gesetze für die Vertreter der Leitkultur nicht aus um "ein gutes Miteinander“ zu definieren: "Jeder von uns, der in ein anderes Land und eine andere Kultur reist, kauft sich einen Reiseführer und keine Gesetzessammlung" meinte unlängst De Mazieres. 

Eine etwas differenziertere und dynamischere Auffassung von der Gesellschaft sind der Ausgangspunkt der 15 Thesen der deutschen Initiative Kulturelle Integration. Für sie gehören Einwanderung und Integration "zu unserer Geschichte". Und das trifft übrigens auch auf Österreich zu. Sie betont die kulturelle Vielfalt und verlangt Respekt und Toleranz von allen. Aber vor allem ist für sie auch "Erwerbsarbeit wichtig für Teilhabe, Identifikation und sozialen Zusammenhalt".  

Mit den Thesen des deutschen Innenministers haben sich auch konservative Medien wie z.B. die FAZ auseinandergesetzt. Was ist mit der Anerkennung der Leitkultur angesichts der vielen betrunkenen Fußball-Fans mancher Klubs, die unter polizeilichen Begleitschutz zu und von den Matches gebracht werden müssen? Welche Jugendlichen geben sich heute noch die Hand zur Begrüßung? Und ist die Leistungsbereitschaft so generell vorhanden in unserer Gesellschaft? Und was ist mit jenen "Einheimischen", die Vielfalt und Religionsfreiheit nicht anerkennen wollen?      

4) Gemeinsame Arbeit an Integrationsgrundsätzen

Nun die Tatsache, dass viele in unserer Stamm-Bevölkerung bestimmte Werte nicht anerkennen, ist noch kein Argument gegen diese Werte. Und es wäre auch unsinnig zu leugnen, dass  es unterschiedliche Kulturen und Gewohnheiten gibt. Viele von ihnen sollte man tolerieren, aber mache können zu Konflikten führen. Aber vielleicht wäre es notwendig die Werte-Diskussion für die ganze (!) Gesellschaft zu führen. Und vielleicht sollte man weniger verordnen, aber mehr gemeinsam erarbeiten. Denn wie anfangs erwähnt, wir schaffen die Inklusion der neu Hinzugekommenen nur gemeinsam und nur mit Integrationsbereitschaft auf beiden Seiten. Die "Leitkultur" sollte alle in die Pflicht nehmen. 

Sicher haben die Gastgeber mehr Rechte bei der Definition der Werte, auf denen eine Gesellschaft beruht, aber sie müssen sich als Gastgeber mit den entsprechenden Vorrechten aber auch angemessener Toleranz gerieren. Dabei müssen sie auch zur Kenntnis nehmen, dass die Nation und die Gesellschaft nie abgeschlossene Projekte sind, wie das der neu gewählte französische Präsident feststellte. Und auch die Identität bzw. besser Identitäten sind nicht fixe Größen sondern im Fluss. Tradition und Erneuerung sollten sich dabei die Waage halten.     

5) Stabilität versus Veränderung

In unruhigen, unsicheren und manche würden sagen chaotischen Zeiten ist Integration besonders schwierig. Die Sehnsucht nach Stabilität und die damit verbundene Nostalgie nach Zeiten,  die es allerdings nie wirklich gab, steht unvermeidlichen und notwendigen Veränderungen, die mit Migration verbunden sind, oftmals entgegen. Und das Teilen fällt in solchen Zeiten, die noch dazu mit stagnierenden Einkommenssituationen verbunden sind, besonders schwer. Auch Attentate in verschiedenen europäischen Ländern haben die Migration inkl. der erzwungenen als Risikofaktor dargestellt. Aber Vorurteile hängen oftmals nicht von den besonderen und aktuellen Bedingungen ab, sondern kommen historisch immer wieder zum Vorschein.  
 

Trotz mancher Mängel ist in Europa  in den letzten Jahren viel  geschafft worden - gerade auch in Österreich.  Allerdings würde man sich mehr Koordination zwischen den verschiedenen öffentlichen Stellen wünschen. Oft werden Flüchtlinge oder deren BetreuerInnen hin und her geschickt. Einerseits wird viel an und durch den Integrationsfonds zentralisiert bzw. standardisiert, zum Beispiel bei den Sprachkursen, anderseits aber gibt es viele Schnittstellen zwischen verschiedenen Bürokratien, die schwierig zu überwinden sind. Überdies wird oft die persönliche Anwesenheit verlangt ohne dass aber die Reisekosten übernommen werden. Vor allem müssten die Asylverfahren endlich - wie versprochen - verkürzt werden. Solche Schwierigkeiten und Hindernisse würden viele geübte ÖsterreicherInnen enervieren, für viele Flüchtlinge sind sie besonders belastend und integrationshemmend. Ein eigenes Integrationsministerium müsste diesen Fragen mehr Aufmerksamkeit schenken und sie einer Lösung zuführen. 

 

Mit den Angeboten des österreichischen Sozialstaates kann man viel machen, - auch wenn in einigen Bundesländern die finanzielle Unterstützung gekürzt wurde - aber bei einer besseren Koordination könnte man noch viel mehr und es überdies effizienter erreichen. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass einige aus der Politik gar nicht zu viel an Effizienz wollen. Es sollte alles vermieden werden, was als Anreiz für Flüchtlinge dienen könnte, nach Österreich zu kommen. Auch die mangelnde Unterstützung für die Zivilgesellschaft könnte darauf zurückzuführen sein.  Aber eine ineffiziente Flüchtlingspolitik schadet allen. Ein besserer auch  Einsatz der finanziellen und personellen Ressourcen würde der Inklusion und damit der gesamten Gesellschaft helfen.  

 

Veranstaltungsnachlese

Campus Lecture: Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit in elementarpädagogischen Einrichtungen

 

Das Campusnetzwerk der FH Campus Wien in Kooperation mit dem Bachelorstudiengang Sozialmanagement in der Elementarpädagogik und dem Sir Peter Ustinov Institut luden ein zu einer weiteren Ausgabe der Campus Lectures.

Am Freitag, den 21. April 2017 beschäftigte sich Mag.a Dr.in Judith Purkarthofer von der Universität Oslo in ihrem Vortrag mit SprecherInnen und Sprachen in ihrer Gemeinsamkeit und Differenz. Sie beleuchtete, wie wir über den Gebrauch und die Bedeutung von Sprachen in unserer Umgebung nachdenken können. Eltern, Kinder und MitarbeiterInnen bringen verschiedene Sprachen, und vor allem auch verschiedene Perspektiven, in ihren Alltag ein. Sprache als etwas Individuelles und Gemeinschaftliches, als Verbindendes und Trennendes ist dabei immer wieder Thema und steht immer wieder in Verhandlung. Politische und persönliche Fragen treffen aufeinander und Entscheidungen für oder gegen bestimmte Sprechweisen sind gar nicht so leicht zu treffen.

Darauf aufbauend stand im zweiten Teil des Vortrags die praktische Organisation von mehreren Sprachen im Kindergarten im Vordergrund: Welche Sprachen sind überhaupt für eine bestimmte Gruppe relevant? Welche Rollen können bestimmte Sprachen einnehmen? Wie und wodurch können Sprachen und Spracherwerb unterstützt werden? Wie können Kinder und Erwachsene über ihre Sprachen und Spracherlebnisse sprechen?

Ausgehend von Forschungsprojekten der letzten Jahre, aus Familien, Kindergärten und Schulen in Österreich und Norwegen wurden aktuelle Fragen aufgeworfen und Beispiele aus dem mehrsprachigen Alltag präsentiert.

Judith Purkarthofer arbeitet als Postdoctoral research fellow im Center for Multilingualism across the lifespan (MultiLing) der Universität Oslo. Sie forscht in mehrsprachigen Kontexten und mit vielsprachigen SprecherInnen zu Spracherleben und sozialem Raum und arbeitet in der Fortbildung von PädagogInnen zu Mehrsprachigkeit bzw. in Workshops mit Kindern und Erwachsenen. In den letzten Jahren führten sie Forschungsprojekte unter anderem in Familien, Freie Radios, Kindergärten und Schulen.

Der in der Campus-Lecture „Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit in elementarpädagogischen Einrichtungen“ behandelten Thematik wird ein Kapitel im Lehrbehelfsprojekt des Ustinov Instituts in Zusammenarbeit mit dem Bachelorstudiengang Sozialmanagement in der Elementarpädagogik der FH Campus Wien mit dem Titel „Mein Leben ist bunt! Offenheit und Toleranz lernen“  gewidmet sein. Der Lehrbehelf ist darauf ausgerichtet, das Entstehen von Vorurteilen bei Kindern zu verhindern und praktische Wege aufzuzeigen, wie den Kindern nachhaltig Toleranz, Respekt und gegenseitiges Vertrauen vermittelt werden können.

 

Das Projekt wird unterstützt von der Raiffeisenbank International und vom Bundeskanzleramt Österreich.

Buchempfehlung

Tagungsband zur Konferenz "Vom Alltagskonflikt zur Massengewalt"

 

In den zwölf Einzelstudien und einem Problemaufriss dieses Sammelbands werden die sozialen, psychologischen und politischen Zusammenhänge von alltäglichen privaten Konflikten und eskalierender Gewalt dargestellt. Anlass war eine interdisziplinäre Konferenz des Sir Peter Ustinov-Instituts in Wien, bei der Historiker, Politik- und Sozialwissenschaftler sowie Psychologen die Wurzeln und Wirkungen von Vorurteilen und Feindbildern als Triebkräfte in Gesellschaft und Politik analysierten.

Die Genese von Ressentiments, die Rolle von Minderheiten, Verlust- und Bedrohungsängste in der Mehrheit, die Eskalation von Feindbildern in öffentlicher Gewalt wird im Band ebenso thematisiert wie Abwehrstrategien gegen „Fremde“ oder „Andere“. Erklärtes Ziel ist es, Ursachen aktueller Konflikte zu erkennen und Lösungen zu finden.

 

Bestellen können Sie den Tagungsband hier.

Veranstaltungsnachlese

Campus Lecture: „Macht das Geschlecht einen Unterschied“

 

Das Campusnetzwerk der FH Campus Wien in Kooperation mit dem Bachelorstudiengang Sozialmanagement in der Elementarpädagogik und dem Sir Peter Ustinov Institut veranstalteten am am Donnerstag, den 26. Jänner 2017 an der FH Campus Wien eine weitere Campus Lecture.

Prof. Dr. Holger Brandes von der Evangelischen Hochschule Dresden ging in seinem Vortrag der Frage nach, ob und inwieweit sich männliche Fachkräfte in Kitas im Umgang mit den Kindern von weiblichen Fachkräften unterscheiden. Er präsentierte die Ergebnisse der Dresdner „Tandem-Studie“ zu professionellem Erziehungsverhalten von Männern und Frauen.

Die „Tandem-Studie“ (2010-2014) vergleicht die konkrete pädagogische Aktivität von Pädagogen und Pädagoginnen in einem quasi-experimentellen Setting. Dabei wird das Verhalten der Fachkräfte hinsichtlich verschiedener Dimensionen eingeschätzt. Außerdem erlaubt das Material aussagen zu bevorzugten Themen, Materialien und Aktivitätsformen. Der Vortrag stellte das Forschungsdesign und wichtige Ergebnisse der Studie dar.

 

Veranstaltungsnachlese

Campus Lecture: Umgang mit religiöser Vielfalt in elementarpädagogischen Einrichtungen

 

Der Bachelorstudiengang Sozialmanagement in der Elementarpädagogik widmete sich in Kooperation mit dem Sir Peter Ustinov Institut am 4. November 2016 im Rahmen der Campus Lecture dem "Umgang mit religiöser Vielfalt in elementarpädagogischen Einrichtungen".

Zu Gast war Dr.in Helena Stockinger von der Katholischen Privat-Universität Linz: https://www.fh-campuswien.ac.at/studium/aktuell/news-und-termine/detail/News/campus-lectures-umgang-mit-religioeser-vielfalt-in-elementarpaedagogischen-einrichtungen.html

Kinder mit verschiedenen Religionszugehörigkeiten besuchen die Kindergärten, was Chancen und Herausforderungen im Kindergartenalltag mit sich bringen kann. Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurde der Frage nachgegangen, wie in einem Kindergarten in katholischer und einem Kindergarten in islamischer Trägerschaft in Wien mit religiöser Differenz umgegangen wird und wie Kinder religiöse Differenz thematisieren. Der explorativen Arbeit liegt ein ethnographischer Zugang zu Grunde, wobei die Methoden der Teilnehmenden Beobachtung, Expertinnen- und Experteninterviews mit den Leitungen der Kindergärten sowie Gruppendiskussionen mit den Kindern und den Pädagoginnen angewendet wurden. In den beiden Kindergärten zeigen sich Tendenzen, dass die Religion der Mehrheit dominant ist, wohingegen anderen Religionen wenig Anerkennung zukommt. In der anschließenden Diskussion geht es darum, wie der Kindergarten zu einem safe space werden kann, in dem sich Kinder mit ihrer jeweiligen Religion wertgeschätzt und zugehörig fühlen.

 

Veranstaltungsnachlese

Ein Vorurteil ist schwieriger zu zerstören als ein Atom (Albert Einstein)

ÖAMTC-Expertengespräch vom 17. Oktober 2016

 

Stereotypen leiten unser Denken – in Sekundenbruchteilen schätzen wir unser Gegenüber ein. Doch was bringt uns dazu, Personen oder Gruppen mit Vorurteilen zu begegnen? Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, sprach in diesem Zusammenhang von einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Er meint damit, dass Menschen nur wegen ihrer Gruppenangehörigkeit diskriminiert werden. Im ÖAMTC Expertengespräch präsentierte er sein Konzept. Im Anschluss folgte eine Diskussion darüber, was jede einzelne Person im Alltag gegen Vorurteile tun kann - mit ausgewählten Expertinnen und Experten, darunter dem Vorstandsmitglied des Sir Peter Ustinov-Instituts, Herr Mag. Leopold Radauer.

 

Programm

Eröffnung

Mag. Christoph Mondl (ÖAMTC, Verbandsdirektor-Stellvertreter)

 

Impulsreferat

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer (Universität Bielefeld, Senior Research Professor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung)

 

Danach Diskussion mit:

  • Mag.a Barbara Coudenhove-Kalergi (Industriellenvereinigung, Expertin für Gesellschaftliche Innovation)
  • Mag. Leopold Radauer (Sir Peter Ustinov Institut, Vorstandsmitglied)
  • Mag.a Alice Scridon (Interkulturelles Zentrum, Projektmanagement, Trainerin im Themenbereich Interkulturelle Kompetenzen)
  • Moderation: Mag.a Nasila Berangy-Dadgar (ÖAMTC, Migrationsmanagement)

 

Zur Medienbrichterstattung: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/politik/852050_Land-der-Vorurteile.html

 

Veranstaltungsnachlese

Gastvortrag und Diskussion

Theologie der Gewalt

Dschihadistisches Denken und Dschihadistische Propaganda im Internet und Gegenaktivitäten

mit

Prof. Dr. Rüdiger Lohlker, Islamwissenschafter, Dschihadismus-Experte

Prof. Dr. Jordanka Telbizova-Sack

 

Montag, 13. Juni 2016 von 16.45 - 18.15 Uhr
Hörsaal 33 Hauptgebäude Universität Wien

(Universitätsring 1, 1.Stock, Stiege 7)

 

Die Ustinov Gastprofessorin Dr. Jordanka Telbizova-Sack widmete sich im Rahmen ihrer Vorlesung am Institut für Zeitgeschichte gemeinsam mit einem prominenten Experten den brennenden Fragen des transnationalen Dschihadismus, der dschihadistischen Propaganda und den Gegenaktivitäten.

 

Wie begründen die Dschihadisten ihre Taten?

Was lässt sich aus arabischen Originalquellen entnehmen?

Kann man von einer „Theologie der Gewalt“ sprechen?

Wie werben dschihadistische Bewegungen Mitglieder und Kämpfer an?

 

Prof. Dr. Rüdiger Lohlker sprach über IS-Gelehrsamkeit, den Geist der Gewalt und Gegenmaßnahmen.