Die renommierte Nahostexpertin Dr. Antonia Rados, bekannt für ihre Live-Reportagen aus den Konfliktregionen des Nahen Ostens, und der erfahrene Kolumnist Hans Rauscher diskutierten auf Einladung des Sir Peter Ustinov Instituts zu dem hoch aktuellen Thema.

Schlagworte wie islamistischer Terror, die Sorge um die „Islamisierung Europas“ oder Debatten über Burka- und Minarettverbote prägen den Diskurs im „Westen“. In der „Islamischen Welt“ gehen die Emotionen rund um das Thema „Mohammed Karikaturen“ hoch und man kritisiert den militärischen und politischen Interventionismus von Seiten der USA und Europas. Die Veranstaltung setzte sich mit den gegenseitigen Vorurteilen und den folgenschweren Konsequenzen dieser Ressentiments auseinander. Diese reichen von politischen Diskrepanzen bis hin zu Gewaltakten. Terroristische Anschläge wie jene in Paris im Jänner 2015 oder der kürzlich in Tunesien erfolgte Angriff auf westliche Touristen schüren die Angst im „Westen“. Gleichzeitig sind die Menschen in der arabischen Welt täglich mit Bildern ziviler Opfer durch internationale Anti-Terror-Einsätze im Nahen Osten konfrontiert.

Der Zündstoff für den Terrorismus

Als einfacher Erklärungsansatz für die aktuellen Probleme im Nahen Osten dient oftmals die Religion. Hans Rauscher stellte fest, dass man dazu verleitet ist, anzunehmen, dass Spannungsfelder dort entstehen, wo die säkularisierte Welt „des Westens“ und die religiös geprägte Welt des arabischen Raums aufeinanderprallen. Doch Antonia Rados konstatiert, dass ein wichtiger Faktor stets übersehen wird: die arabische Welt ist eine extrem junge. Drei Viertel der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt und leben Großteils unter prekären sozialen und ökonomischen Bedingungen. Die damit einhergehende Aussichtslosigkeit der Massen an jungen Menschen wird von Rados als Grundlage für die explosive Situation im Nahen Osten identifiziert. Terrorismus sei der Preis für eine jahrzehntelange Politik der falschen Stabilität unter diktatorischen Regimen. Jedoch sind nicht alle jungen Araber Islamisten. Es braucht mehr Verständnis dafür, wie dort mit Religion Politik gemacht wird. Dort wo Radikalisierung stattfindet, dient der Islam als propagandistisch vermarktete Ideologie.

Rados stellt fest, dass Religion und Familie als Grundpfeiler der Gesellschaft im Nahen Osten ein unbestreitbares Faktum sind. Die Menschen dafür zu verurteilen, dass sie religiös sind, wäre sinnlos. Der Grund für die starke Verwurzelung von Glaube, Aberglaube und dem Mystischen ist, dass alle Weltreligionen dort ihren Ursprung haben. Aus der europäischen Erfahrung können wir ableiten, dass Religion nicht zwangsweise die Ursache allen Übels ist, denn auch säkulare Regime können eine Vernichtungspolitik betreiben. Doch was die Menschen im hier und jetzt bewegt, ist die reale soziale Ungleichheit und Perspektivenlosigkeit.

Mangel an Fortschritt und Selbstbestimmung als Nährboden für Konflikt

Spannungsfelder zeichnen sich auch um den Patriarchalismus der arabischen Gesellschaft ab, die nie eine Revolution gegen die Autoritätshörigkeit, wie den 68er Aufstand im „Westen“, erlebt hat. Es herrscht ein Apartheidsystem zwischen den Geschlechtern und Frauen werden von Männern auf repressive Art beschützt. So gilt das Kopftuch im Nahen Osten als Teil einer Identitätssuche. Die Masse der Jugend hat außerdem keinen Zugriff auf Veränderung, Fortschritt und Selbstbestimmung und ist sich der Tatsache bewusst, dass ihre Länder in Fragen der Entwicklung weltweit ganz hinten liegen. Es besteht die reale Gefahr des Zusammenbruchs der arabischen Zivilisation.

Die falsche Politik „des Westens“

Rados resümiert, dass Ressentiments von Seiten der arabischen Welt nicht daher kommen, dass sie „uns“ hassen für das was wir sind, sondern für das, was wir tun. Mangelnde Unterstützung für hilflose Flüchtlinge und militärischer Interventionismus vermitteln das Bild einer falschen Politik und provoziert traditionell verankerte Racheideen gegenüber „dem Westen“. Aus Sicht des Nahen Ostens sieht es so aus, als hätten die Menschen im „Westen“ jedes Herz verloren.

Verpasste Chancen des Dialogs

Der Arabische Frühling ab 2011 bot eine Chance auf demokratische Veränderung, denn die jungen Leute gingen unideologisch auf die Straße mit dem Wunsch nach einem besseren Leben. Zu dieser Zeit bestand die Möglichkeit zum Aufbau von Parteien, mit denen eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe denkbar gewesen wäre, sowie zur Förderung von Bildung. Doch das damals (finanz-)krisengeschüttelte Europa ließ die Chance ungenutzt verstreichen. Gestärkt gingen daraus die Islamisten hervor. Heute wird der arabischen Welt vorgeworfen, sie wäre unfähig zur Demokratie, doch als Hilfe benötigt wurde, wurde diese nicht geboten.

Gibt es einen Ausweg?

Die Lösung für die aktuellen Probleme kann nicht von außen aufgezwungen werden. Rados stellte fest: wenn man von außen mit Gewalt kommt, dann bringt das nichts, aber niemand hindert „den Westen“ daran, Politik zu machen. Man müsse die Radikalen isolieren, aber mit der dialogbereiten Mehrheit zusammenarbeiten. Entscheidend ist es, die Entwicklungen mit möglichst großem Verständnis für unterschiedliche Wahrnehmungen zu beobachten und differenzierter heranzugehen. Das ist die einzige Möglichkeit, halbwegs friedlich mit Regionen, die anders sind, zusammenzuleben.

 

Beitrag verfasst von Corinna Metz

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