Woran liegt es eigentlich, dass Gewalt überhaupt ausbricht und in einem teilweise erschreckenden Ausmaß fortbesteht, und warum trägt Religion manchmal zur Eskalation, andernfalls dann doch wieder zur Befriedung von Konflikten bei? Die neue Gastprofessorin des Sir Peter Ustinov Instituts, Prof. Dr. Jordanka Telbizova-Sack, leitete ihre Vorlesungsreihe zum hochaktuellen Thema „Religion, Konflikt und Gewalt“ mit eben dieser Frage ein, die sich angesichts der momentanen weltpolitischen Situation so viele Menschen stellen.

Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst erkannt werden: Im Namen der Religion insgesamt – und zwar unabhängig welcher Religion – werden Menschen seit jeher diskriminiert, verfolgt, und getötet. Das Meinungsspektrum ist gerade bei einem so kontroversen Thema entsprechend breit: Die beiden Gegenpole bilden dabei zum Einen die Auffassung, bestimmte Religionen würden aufgrund ihrer inhaltlichen Doktrin gewisse Formen der Gewalt direkt legitimieren und zum Anderen die These, dass religiöse Gewalt zum Großteil gar nicht aus religiösen Motiven im engeren Sinne heraus angewandt wird, sondern dass eine Vielzahl anderer Gründe – etwa soziale oder gesellschaftliche Faktoren – für die tatsächliche Gewaltausübung verantwortlich sind.

Zwischen diesen beiden Positionen scheint sich die Erkenntnis herauszubilden: Auch wenn Gewalt nicht unmittelbar durch Religion gerechtfertigt wird, birgt letztere doch ein latentes Potential der Gewaltausübung, das vor allem in unsicheren Zeiten wie diesen aufgrund eines Prozesses der Instrumentalisierung besonders deutlich zutage tritt. Dabei scheint die Frage nach dem Verhältnis zwischen Religion und Gewalt primär im Rahmen der Debatte um den Islam als vermeintlich „politische Religion“ besonders prävalent zu sein. Unabhängig davon, dass ein Pauschalverdacht gegenüber gläubigen Muslimen allein schon im akademischen Kontext der Komplexität der Thematik bei weitem nicht gerecht wird, spricht folgende Erkenntnis gegen die Behauptung, Gewalt sei lediglich religiös motiviert: Religiöse Gewalt geht keineswegs nur von religiösen Gruppierungen aus.

Wie Prof. Telbizova-Sack im Rahmen ihrer mit dem treffenden Titel „Ambivalenz des Religiösen“ versehenen Einführung zu diesem Thema analysiert, zeichnen sich sämtliche Religionen auf der Welt in erster Linie durch die Eigenschaft aus, sowohl für die Förderung von Friedfertigkeit als auch für die Ausübung von Gewalt ein gewisses Grundpotential zu bergen. Bei eben dieser Friedfertigkeit und Gewalt handelt es sich insofern keineswegs um „zeitlose“ Eigenschaften von Religion, als sie immer in einem bestimmten Handlungskontext zutage treten und somit auch in diesem Kontext nachvollzogen werden müssen.

Radikale bzw. radikal handelnde Gemeinschaften wie beispielsweise ethnisch religiöse Gruppen verstehen sich, so Telbizova-Sack, vor allem in Zeiten externer bzw. als extern perzipierter Bedrohungen als eine Art „kollektive Schicksalsgemeinschaft“ und schweißen sich auf der Grundlage eines als ebenso homogen wie bedrohlich wahrgenommenen Feindes im Rahmen militanter Konflikte zusammen. Dass diese entgegen häufiger populistischer Äußerungen räumlich-geografisch gesehen weit über den Nahen Osten hinausgehen, zeigen historische wie kontemporäre Beispiele wie etwa den Katholiken in Nordirland, den Muslimen auf dem Balkan, den Schiiten im Libanon sowie den Tschetschenen im Kaukasus.

editor