Prof. Dr. Philipp Gassert im Gespräch mit Dr. Eva Nowotny

Spaltet der derzeitige Streit über Abhörskandale, Freihandelsabkommen, Datenschutz und Ukraine-Krise die USA und Europa? Unter anderem mit dieser Frage befasste sich die vom Sir Peter Ustinov Institut in Kooperation mit der Österreichisch-Amerikanischen Handelskammer und dem Presseclub Concordia abgehaltene Veranstaltung am Donnerstag, den 7. Mai 2015 um 10:30 Uhr. Der promovierte Historiker und Ustinov-Gastprofessor 2014 an der Universität Wien, Prof. Dr. Philipp Gassert, hielt in diesem Rahmen einen Vortrag zum Thema „Europa und Amerika: Streit, Vorurteil und die transatlantische Konfliktkultur“. Eröffnet wurde dieser anekdotisch und auf Basis einer groben historischen Skizzierung der Repräsentation von Gewalt – einem durchaus gängigen anti-amerikanischen Vorurteil – in der US-amerikanischen Kultur. Anhand von Beispielen des berühmten deutschen Soziologen Max Weber und seines Aufenthalts im Mittleren Westen der USA, berühmter Comic-Helden wie Batman und Superman sowie umstrittener Karikaturen des Spiegel-Magazins aus der Zeit des Irakkriegs veranschaulichte Gassert die seines Erachtens auch amerikanischerseits anzutreffende „stereotype Vorstellung, die Europäer hätten eine andere Haltung zur Gewalt als die Amerikaner, mit großer Hingabe gepflegt“. Die landläufige Überzeugung „international robusterer Umgangsformen“ seitens der USA schließt sich unmittelbar an diese Beobachtung an, stehen sie doch der vermeintlich träumerischen europäischen Vorstellung waffenlos zu erreichenden ewigen Friedens gegenüber. Unterstützt wurde diese Denkweise seinerzeit auch durch den US-amerikanischen Autoren und Politikberater Robert Kagan, der auf dem Höhepunkt der Debatte um den Einmarsch in den Irak beobachtete, dass im Zweifelsfall eher „der Amerikaner zu militärischer Gewalt“ greife, während „der Europäer“ verstärkt auf „‚soft power‘, Mediation, Diplomatie und Multilateralismus“ setze. Auf Basis dieses einleitenden Überblicks akzentuierte Gassert seine Beobachtung des Vorhandenseins zahlreicher wechselseitiger Vorurteile im transatlantischen Raum.

Geht es nicht ohne Streit und Vorurteil?

Diese Frage ließe sich, so der ehemalige Ustinov-Gastprofessor im zweiten Teil seines Vortrags, gerade aus historischer Perspektive zweifellos mit „nein“ beantworten: Die permanente Existenz einer gewissen Streitkultur identifizierte der renommierte Historiker als „spezifische Stärke des transatlantischen Verhältnisses seit 1945“. Vor diesem Hintergrund würden Konflikte und Krisen nicht nur dazugehören, sondern seien im Gegenteil sogar essentiell für die Stärkung der transatlantischen Gemeinschaft. Auch der massive Konflikt um den „Krieg gegen den Terror“ habe die Bindungen zwischen Europa und den USA nicht so nachhaltig geschwächt oder gar zerstört wie zunächst angenommen. Um die momentan gravierend anmutenden Zustände treffend einordnen zu können, sei eine historische Kontextualisierung aktueller Debatten rund um Abhörskandale, TTIP und Militärpräsenz unabdingbar, stellten sie doch letztlich einen „notwendigen Teil transatlantischer Meinungs- und Willensbildungsprozesse“ dar. In Anlehnung an diesen Appell veranschaulichte Gassert seine grundlegende These, Streit müsse keinesfalls zu einer Schwächung des transatlantischen Zusammenhalts führen: Selbst hitzige Dialoge sollten unbedingt ausgetragen und somit einer beidseitigen Sprachlosigkeit unter allen Umständen entgegengewirkt werden.

Der Stellenwert der transatlantischen Konfliktkultur

Diese Ausführungen mündeten schließlich in der Erkenntnis, dass der europäisch-amerikanische Streit innerhalb der Grenzen demokratischer Politik primär „gemeinschaftsstiftende“ und die „Kohäsionskräfte stärkende“ Wirkung entfalte. Nach jahrhundertelangem Dialog könne sich weder Europa ohne Amerika noch Amerika ohne Europa definieren. Zum Ende seines Vortrags ließ sich Gassert die Gelegenheit zu einer „Verbeugung vor Sir Peter Ustinov“ nicht entgehen und bekräftigte die herausragende Bedeutung des Instituts in der Bestrebung, „durch Wissen über die andere Seite und ihre Perspektiven zum Abbau negativer Vorurteile und Feindbilder beizutragen“.

Europäer hier, Amerikaner dort?

Im Anschluss folgte eine Diskussion unter der Leitung des Vorstandsvorsitzenden des Ustinov Instituts, Dr. Hannes Swoboda, mit der ehemaligen österreichischen Botschafterin in den USA, Dr. Eva Nowotny. Die Expertin für europäisch-amerikanische Beziehungen erlebte die Vereinigten Staaten in einer Vielzahl verschiedener politischer Situationen und betonte, es gäbe grundsätzlich kaum bipolare Streitpunkte, da die Verbindung über den transatlantischen Raum in Zeiten der Globalisierung ohnehin auf dem Höhepunkt ihrer Intensität angekommen sei. Zudem sei das Spektrum der Ansichten auf beiden Kontinenten so durchmischt, dass keineswegs von „Europäern hier, Amerikanern dort“ oder dergleichen gesprochen werden könne. Unabhängig von wechselseitigen Vorurteilen dürften auch historisch gewachsene politische Tatbestände nicht missachtet werden: So seien Differenzen im Umgang mit Waffengewalt, Machtausübung und patriotischen Symbolen allein schon aufgrund der historischen Entwicklung objektiv vorhanden. So könne der „Durchschnittseuropäer“ schlichtweg nicht nachvollziehen, wie Vertreter der US-amerikanischen Waffenlobby solch erheblichen Einfluss auf einschlägige politische Entscheidungsprozesse ausübten. Gleichzeitig sei aber auch ein in weiten Teilen der USA anzutreffender Mangel an Verständnis für die freiwillige Subsidiarität vieler EU-Mitgliedstaaten zu beobachten: Umso höhere Bedeutung, so Nowotny, käme der Schaffung und Weiterentwicklung von Instrumenten wie etwa der Neuen Transatlantischen Agenda zu.

Sind die Vorurteilsmuster zwischen Europa und den USA vergleichbar?

Zunächst wurde eine grundlegende Asymmetrie im transatlantischen Verhältnis festgestellt: Das Interesse Europas an den USA als nach wie vor wichtigstem Partner in zahlreichen geopolitischen Belangen sei in vielerlei Hinsicht ausgeprägter als vice versa. Gleichzeitig zitierte Dr. Nowotny eine gelegentliche, mitunter unangebrachte „europäische Tendenz zur Selbstverzwergung“, die sich in einer nicht in ausreichendem Maße vorhandenen europäischen Themenführerschaft äußere. Diese in der Vergangenheit häufig zu beobachtende europäische Passivität schlage sich in entsprechenden Schwierigkeiten in der gemeinsamen Willensbildung nieder. Im Zuge der Publikumsdiskussion wurden außerdem unterschiedliche Einstellungen zu Sozial- und Gesundheitssystemen, eine progressiven Denkmustern durchaus zugewandte US-amerikanische Nachfolgegeneration sowie die Neuartigkeit der Herausforderungen für das transatlantische Bündnis im sich rapide verändernden internationalen System thematisiert. Somit sind schon aufgrund der Verschiedenartigkeit des Umgangs mit gesellschaftspolitischen Prioritäten sicherlich auch Unterschiede in vorurteilsbehafteten Denkmustern zwischen den beiden Akteuren zu konstatieren.

Verständigung als Basis für gute Beziehungen

Die Notwendigkeit zur „weiteren Pflege gemeinsamer Interessen“ zwischen Europa und den USA als gleichberechtigte Partner in der Gestaltung weltpolitischer Agenden im Laufe der kommenden Jahre und Jahrzehnte sei absolut gegeben. Das Sir Peter Ustinov Institut, so Gassert, nehme eine „essentielle Aufgabe zur Verständigung darüber wahr, was (…) die europäische Kultur der Gegenwart ausmacht: Nämlich dem „Anderen“ nicht vorurteilsbeladen, sondern offen und selbstkritisch entgegen zu treten“.

verfasst von Simon Machleidt

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