Am Dienstag, den 17. Februar 2015 um 18:30 Uhr präsentierte der renommierte Vorurteilsforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz im Presseclub Concordia einem interessierten Publikum seine neue Publikation „Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit. Über das Vorurteil Antiziganismus“. Gleich zu Beginn zitierte Prof. Benz eine aktuelle, von der Anti-Diskriminierungs-Stelle des Deutschen Bundestages in Auftrag gegebene Studie zum Thema Feindlichkeit gegenüber Sinti und Roma, die zu den erschreckenden Ergebnissen kommt, dass die Minderheit „Sinti und Roma“ nur die allerwenigsten interessiert, der Großteil der Befragten wenig über diese Volksgruppe weiß und die Abneigung beträchtlich ist. Diese Abneigung, so Prof. Benz, werde in diesen Tagen zusätzlich durch neue Überfremdungsängste in der Bevölkerung stimuliert. Während alte Vorurteile zu neuem Leben erblühten, halte sich ein weit verbreiteter Irrglaube besonders hartnäckig: Die Tatsache, dass die betreffende Minderheit – in diesem Fall Sinti und Roma – Ausgrenzung erfährt, müsse automatisch an Verhalten und Lebensgewohnheiten der Minderheit selbst festgemacht werden, demnach seien unter Diskriminierung und Marginalisierung leidende Menschen selbst schuld an der ihnen entgegengebrachten Feindseligkeit durch die „Mehrheitsgesellschaft“. Wichtig sei zu erkennen, so der Vorurteilsexperte, dass Feindbilder reaktiviert würden und die Mehrheit ein bestimmtes Bild von der Minderheit konstruiere, um ausgrenzendes Verhalten zu legitimieren.

Salonfähigkeit des Begriffs „Zigeuner“

Im Laufe seines Vortrags thematisierte Prof. Benz auch die gegenüber Minderheiten oftmals verwendete derogative Sprache. Die unverblümte Nutzung des Begriffs „Zigeuner“ werde in aller Regel damit legitimiert, dass die so bezeichneten Personen diese Art der Sprache als nicht abwertend oder kränkend empfänden. Selbst wenn es Betroffene gäbe, die ein derartiger Sprachgebrauch nicht sonderlich tangiere, handele es sich bei der Verwendung des Begriffs „Zigeuner“ de facto um eine abwertende Fremdbezeichnung, so Benz: Daher sei es umso wichtiger, sich auf den Wunsch der Mehrheit derer zu beziehen, die diese Betitelung als pejorativ bewerteten.

Öffentliche Diskriminierung nach dem Zweiten Weltkrieg

In Deutschland wohnhaften Überlebenden des Holocausts aufseiten der Sinti und Roma werde zwar durchaus politische (und somit öffentliche) Empathie entgegengebracht, diese ändere allerdings nichts an im privaten Raum spürbaren Abneigungs- und Ausgrenzungstendenzen. Historisch betrachtet, so Benz, sei der nationalsozialistische Genozid gegen Sinti und Roma auf ebenso grausame und systematische Weise erfolgt wie jener gegen die jüdische Bevölkerung, ersterer habe jedoch wesentlich länger gebraucht, um ins kollektive Gedächtnis der Deutschen und Österreicher zu gelangen. Noch lange Zeit nach dem Zerfall des Dritten Reichs herrschte die Überzeugung in der Bevölkerung vor, der Völkermord an Sinti und Roma sei nicht als Rassenhass, sondern vielmehr als „Kriminalprävention“ zu verstehen. Die Diskriminierung von Sinti und Roma im öffentlichen Raum war bis weit in die 1970er Jahre hinein zu beobachten, was sich etwa in der Ablehnung von Entschädigungen für „kriminelle Zigeuner“ manifestierte.

Anhaltende Vorurteile

Auch heute gibt es noch zahlreiche Sinti und Roma, die diesen Teil ihrer persönlichen Identität aus Angst vor Diskriminierung und sozialer Benachteiligung geheim halten. Nach wie vor werden der Volksgruppe der Roma angehörigen Zuwanderer aus dem südosteuropäischen Raum als „kriminelle Eindringlinge“, „lästige Arme“, „betrügerische Sozialschmarotzer“ etc. stigmatisiert. Die Persistenz dieser tradierten Vorurteile demonstriert die Ignoranz vieler Menschen gegenüber dem Ausmaß des Unrechts gegenüber Sinti und Roma. Somit gedeiht somit immer wieder aufs Neue die falsche Annahme, die Minderheit trage aufgrund ihrer durch die Mehrheitsgesellschaft als minderwertig eingestuften Wesenszüge etc. selbst die Verantwortung für die negativen Zuschreibungen, mit denen sie regelmäßig konfrontiert werden. Die Konstruktion von Ressentiments durch die Mehrheit gegenüber der (unerwünschten) Minderheit, analysierte der Vorurteilsforscher, sei in der deutschsprachigen Gesellschaft vor allem in der Judenverfolgung historisch verwurzelt.

Feindbild „Armutsmigration“

Des Weiteren ging Benz auf das aktuelle Feindbild „Armutsmigration“ ein, das zentrale Bedeutung für den aktuellen Diskurs habe und mit der medialen Vermittlung stereotypisierender, verzerrender Bilder von der Minderheit einherginge. Zuwanderung von Armen sei grundsätzlich unerwünscht, da sie in aller Regel unmittelbar mit einer „Belastung des Sozialetats“ assoziiert werde. Die Realität ist allerdings in der Tat wesentlich komplexer, denn es kann, wie Prof. Benz anmerkt, keineswegs die Rede von einer umfassenden „Plünderung“ der Sozialsysteme sein: Vielmehr generieren Zuwanderer anhand von Sozialabgaben einen ökonomischen Nutzen für die gesamte Gesellschaft.

Diskussion mit Sozialarbeiter Pater Sporschill

Im Anschluss an den Vortrag von Prof. Benz wurde das Thema des Abends unter anderem mit Pater Georg Sporschill, Gründer des ehrenamtlichen Vereins „Concordia Sozialprojekte“, diskutiert. Sporschill betonte gleich zu Beginn, er könne sämtliche Thesen des Buches unterschreiben und auch mit konkreten Beispielen aus seinem Alltag belegen. Die Fragen, die man sich als das Thema aus einer praktischen Perspektive beleuchtender Sozialarbeiter stellen müsse, seien vor allem: Was kann man tun, um Vorurteile und Feindbilder abzubauen? Und welche Konsequenzen muss man aus der „gnadenlos zutreffenden Analyse“ ziehen, um Fortschritte in diesem Bereich zu erzielen?

„Stolz und Vorurteil“

Auf Basis seiner langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Straßenkindern beantwortete Pater Sporschill diese Fragen in erster Linie folgendermaßen: Es sei ein Glück, wenn man gerade junge Menschen in eine Situation bringen könne, in der sie mit Stolz zu ihrer Herkunft stehen, anstatt Diskriminierung zu fürchten. Dies, so Sporschill, habe in vielen Fällen nachweislich positive Auswirkungen auf den weiteren beruflichen wie privaten Werdegang der Betroffenen. Mittlerweile sei, trotz nach wie vor erheblichem Verbesserungsbedarf, vermehrt zu beobachten, dass Sinti und Roma sich immer offener und selbstverständlicher als diesen Volksgruppen zugehörige Personen präsentieren würden. Dennoch, traurig aber wahr, sei die Analyse von Prof. Benz in Bezug auf Sinti und Roma als nach wie vor „unerwünschte Minderheit“ leider noch vielerorts zutreffend.

Auf die Frage Sporschills bezüglich einer Zulässigkeit „positiver Vorurteile“ antwortete Benz zu guter Letzt, Vorurteile zu haben sei per se noch nicht böse; gefährlich werde es aber spätestens dann, wenn ganze Bevölkerungsgruppen unter pauschalisierenden Generalverdacht gestellt würden und Tendenzen feindseliger Agitation gegenüber diesen Gruppen zu beobachten seien.

 

Beitrag verfasst von Simon Machleidt

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