Wolfgang Benz über Normen des zwischenmenschlichen Umgangs im Internet

Der Gastgeber einer Talkshow nennt seinen Gast ein Arschloch und stellt ihn dem Fernsehpublikum als Puffgänger vor. Ein Gangster-Rapper, ein Akteur einer musikalischen Szene also, beleidigt in seinen künstlerischen Darbietungen Politiker und wünscht ihnen den Tod. Das sind nur zwei aktuelle Beispiele zum Umgangston im öffentlichen, breit rezipierten und akzeptierten Unterhaltungsgewerbe. Der Drang zu Schmäh und Häme als Haltung gegenüber anderen, 

Beleidigung, Herabsetzung, lauthalse Schadenfreude als Formen der Auseinandersetzung, Denunziation und Diskriminierung von Mensche

n, die zu Feinden erklärt sind, weil ihre Religion, ihre Herkunft, ihre sexuelle Orientierung oder überhaupt ihre Gewohnheiten abgelehnt werden, sind gängige Einstellungen und Verhaltensweisen im öffentlichen wie im privaten Diskurs.

Die Alltagskultur ist eine rauhe Sache. Das war sie gewiss zu allen Zeiten, allenfalls unterschiedlich je nach gesellschaftlicher Schicht und sozialem Status. Aber die Preisgabe der Privatheit, die unsere Zeit prägt, hat den rauhen Ton, hat Unflätigkeit jeder Sorte zur öffentlichen Sache gemacht. Das beklagen manche. Andere bemerken es schon gar nicht mehr.

Die Frage stellt sich, ob es sinnvoll ist, ob es sich angesichts der Situation noch lohnt, über Umgangsformen zu reden. Sind es nur Stilfragen, wennim Internet gepöbelt wird, ist es nur eine Sache des persönlichen Geschmacks, wenn soziale Netzwerke wie Twitter stilfragenund Facebook über die äußere Form und Gestalt von Mitteilungen, Informationen, Nachrichten die Normen des zwischenmenschlichen Umgangs verändern?

Wer sich je als Ziel eines Shit-Storms fand, wer einmal Objekt einer Kampagne der Bloggerszene war, weiß wohl um die Missachtung seiner Menschenwürde, weiß, wie dünn der schützende Firnis der Zivilisation ist. Mit den modernen Mitteln der Kommunikation hat die Jagd auf Andersgesinnte, auf Stigmatisierte, denen Fehlverhalten, unerwünschte Herkunft, „falsche“ Überzeugung vorgeworfen wird, ganz neue Dimensionen erhalten.

Wollte man einst seinem Zorn über eine wichtige Angelegenheit Luft machen, schrieb man einen Leserbrief, gab sich Mühe in Form und Stil, würzte das Elaborat wohl auch mit Sottisen und hoffte auf den Abdruck in der Zeitung. Enthielt der Brief arge Beleidigungen, dann verweigerte die Redaktion in der Regel die Veröffentlichung. Sie prüfte auch die Erheblichkeit der Aussage und schied Banales aus. Solche Mechanismen gibt es in den digitalen Medien nicht. Die Wut des Bürgers äußert sich so ungefiltert wie die Geschwätzigkeit des Langweilers oder der Missionseifer des Fanatikers. Den F

ortschritt zu beklagen hat keinen Sinn. Niemand wünscht sich in die Zeiten zurück, in denen mit Trommeln, Rauchzeichen oder reitenden Boten Nachricht und Meinung verbreitet wurde. KatastropheBeklagenswert ist freilich der Verlust ethischer Normen in der Kommunikation, wenn im Schutz der Anonymität Schmähreden und kriminelle Beleidigung Konjunktur haben. Es ist keineswegs nur die Form, die manche Internet-Portale, in denen Gleichgesinnte Kampagnen gegen Missliebige führen, bedenklich macht. Vorurteile werden nämlich agiert und Feindbilder werden p

ropagiert. Das Ressentiment und nicht die Ratio bestimmen den Diskurs, der in eine manichäische Welt mündet, in der es nur Feinde und Freunde, nur Gute und Böse gibt. Das Ausleben der Emotionen ist denen wichtig, die in solcher Welt leben, nicht Vernunft, Verstand und Argument.

Der norwegische Massenmörder Breivik hat vor zwei Jahren das Menetekel an die Wand geschrieben. Seinen Vorurteilen fielen 77 unschuldige Menschen zum Opfer, weil er annahm, dass ihre Gesinnung ihm missfalle (seine Feinde waren Sozialisten und Muslime, aber bei seinem Amoklauf hat er die Gesinnung derer nicht geprüft, die er mordete). Die Stichworte seines Weltbildes hat er aus dem Internet. In seinem monströsen digitalen Bekenner-Pamphlet hat er die Ideologen, denen er folgte, bei Namen und die Ressentiments, die ihn antrieben, der Sache nach genannt. Spätestens die Katastrophe von Oslo müsste Anlass sein, über ethische Normen in den sozialen Medien nachzudenken. Wenn sie jedermann dazu dienen, seine Ressentiments zu kultivieren, sind sie gefährlich.

Wolfgang Benz

Wolfgang Benz