Aktuelle Ereignisse prägen das Bild des Islam als einer Religion, die eng mit Gewaltbereitschaft und -anwendung verbunden ist. Zwar wissen Wissenschaftler, Muslime und Nichtmuslime, dass es in der Geschichte des Islam lange Phasen des Friedens gab und dass die Toleranz gegenüber Juden und Christen eine gängige Praxis war. Die Ausbreitung des sog. „Islamischen Staates“, Selbstmordattentate und Bürgerkriege sprechen aber auch dafür, dass wir es mit einer gegenwartspolitischen Erscheinung zu tun haben, bei der im Namen des Islam Gewalt nicht nur gepredigt, sondern auch angewandt wird. Ist der Islam eine gewaltfördernde Religion? Was bedeutet Gewalt im Islam?

Zwei populäre und konträre Sichtweisen stehen sich hier gegenüber: Eine islamkritische Position geht davon aus, dass der Islam eine Religion der Gewalt und des Krieges sei, während eine andere den wahren Islam zu einer Religion des Friedens und der Toleranz erklärt. Die beiden Seiten argumentieren mit dem Koran und der Propheten-Tradition. Die Geschichte beachten sie nicht.

Wenn Muslime Stellung zur Gewalt nehmen, beziehen sie sich zunächst auf die normativen Grundlagen des Islam. Die normativen Grundlagen sind durch Texte vorgegeben, vor allem ein Text, der von Muslimen als heilig, unantastbar und nicht hinterfragbar verstanden wird: der Koran. Nach muslimischer Überzeugung wurde der Koran dem Propheten Muhammed über einen Zeitraum von etwa 22 Jahren (von 610 bis zum Jahre 632) offenbart. Der Koran besteht aus 114 Kapiteln, Suren mit Versen, die zu unterschiedlichen Themen Stellung nehmen. Für Muslime gilt der Koran als das Wort Gottes. Aber der Koran ist keine einheitliche, durch und durch strukturierte Erzählung mit einem Anfang und einem Ende und einer ganz klar identifizierbaren Botschaft zu konkreten Themen.

Der zweite Grundlagentext des Islam ist die Sunna (Hadith), die Überlieferung dessen, was Muhammed und seine engsten Gefährten gesagt und getan haben sollen, soweit diese Handlungen und Aussprüche in einer bestimmten Weise tradiert sind. Die Sunna besteht aus Erzählungen und Berichte zu konkreten Themen, die von Muslimen im 8. und 9. Jahrhundert gesammelt und nach unterschiedlichen Prinzipien angeordnet wurden. Aber auch hier handelt es sich um Einzelaussagen, die weder einförmig noch einstimmig sind.

Untersucht man den Koran darauf, welche Aussagen er zur Anwendung von Gewalt macht, so wird man feststellen können, dass es im Koran (wie im Übrigen auch in Tora und Bibel) sowohl gewaltverherrlichende als auch friedensfördernde Aussagen gibt, die von den Gläubigen kontextuell unterschiedlich gedeutet werden. So finden wir im Koran Suren, die sich zur Pluralität, Toleranz und Freiheit bekennen. Wir finden aber auch solche, die Gewalt fordern. An einigen Stellen finden sich sogar in der gleichen Sure, und zwar hintereinander Verse, die widersprüchliche Aussagen machen: Einerseits lautet die Botschaft „Rette die Menschen“, andererseits gleich danach „Töte sie“ (Koran, 5:32 und Koran, 5:33). Es ist eine große theologische Herausforderung, sich zwischen diesen beiden Botschaften zu orientieren.

Den Koran zu verstehen, ist nicht einfach. Er ist voll von Widersprüchen. Deshalb bedarf der Koran der Auslegung. Der Koran ist zunächst ein Diskursbuch. Die Menschen fragen, Gott antwortet. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass der Koran nicht in einem luftleeren Raum entstanden ist, sondern in einer Zeit offenbart wurde, in der Kriege geführt wurden. All diese kriegerischen oder friedlichen Bezüge wurden vom Heiligen Buch der Muslime begleitet und geleitet. Am Ende haben wir das Resultat, dass im Koran Spuren aus dieser Zeit enthalten sind, die aber nicht einfach auf heute übertragbar sind, sondern in ihrem Kontext eingeordnet und verstanden werden sollten.

Das kann man nur mit einer kritisch-historischen Koran-Lektüre. Aus dem Bedürfnis nach Auslegung des Korans (Exegese) entwickelte sich im Laufe der Zeit die Wissenschaft der Koran-Interpretation (arabisch tafsir). Daraus entstand eine große Vielfalt und mit dieser Vielfalt zu leben ist eine lange islamische Tradition. Von denen, die sich auf die Gewalt berufen, wird dies nicht geleistet. Salafistische und dschihadistische Doktrinen lehnen genau diese Vielfalt ab und erheben den Anspruch, den einzig wahren Islam zu vertreten. Die Intoleranz des Islamismus zeigt sich darin, dass dessen Vertreter nach eigener Selbstzuschreibung die genaue Bedeutung einer jeden Koransure kennen, die Echtheit eines jeden Hadithes genau beurteilen können und somit über die Deutungshoheit verfügen. Dabei legen sie die Heiligen Schriften selektiv aus. Viele heutige Theologen und Muslime sehen in diesem Wahrheitsanspruch eine Anmaßung gegenüber den Mitmenschen und Gott.

Prof. Dr. Jordanka Telbizova-Sack