Anton Pelinka zu Wolfgang Benz‘ „Plädoyer für die multikulturelle Gesellschaft

Multikulturalismus ist nichts, was man verhindern könnte. Multikulturalismus existiert UND hat immer schon existiert: im Neben- und Miteinander der Subkulturen von Alten und Jungen, von Gläubigen und Ungläubigen, von urbanen und von ländlichen Schichten, von Fans der „ernsten“ Musik und denen, die auf Rock und Pop schwören; von Feministinnen und denen, die mit deren Anliegen und Gebräuchen nichts anzufangen wissen. Auch das Neben- und Miteinander der Subkulturen der „Eingesessenen“ („Eingeborenen“) und der Zugewanderten hat eine ungebrochene Tradition, wie die vielen polnischen Namen im Ruhrgebiet und die vielen tschechischen im Großraum Wien bezeugen.

Manche Gesellschaften gehen mit dieser Realität anders, offensiver um als andere. Kanada ist stolz darauf, ein multikulturelles Land zu sein. Die kanadische Politik respektiert die Betonung von Vielfalt, Pull Quotevon Besonderheit – etwa die der indigenen Bevölkerung („First Nations“) und die der süd- und ostasiatischen Einwanderer der ersten oder zweiten Generation. Kanadische Identität umfasst viele Optionen der sprachlichen und anderer kultureller Ausdrucksformen.

Dass in Teilen Europas – vor allem auch in Deutschland und Österreich – Multikulturalismus heftig diskutiert wird und die einzelnen Positionen Bekenntnischarakter haben, geht an der Realität der immer schon existierenden Vielfalt vorbei. Dass „Multikulti“ zu einem politischen Kampfwort geworden ist, zeigt aber, dass unter der Oberfläche einer mit der Realität kaum verbundenen Debatte bestimme Emotionen mobilisiert werden:  Man zeigt sich um das Fortbestehen der „eigenen“ Kultur besorgt, aber in Wirklichkeit geht es um die Abstiegsängste bildungs- und einkommensschwacher Schichten. Es geht um die Umwandlung verständlicher Sorgen der „Modernisierungsverlierer“ in politisch instrumentierbare Emotionen; es geht um die Konstruktion von Sündenböcken.

Die Debatte, wie sie an der Oberfläche geführt wird, ist intellektuell unscharf – und auch unredlich. Sie ist unscharf, weil viele davon ausgehen, es existiere eine homogene (österreichische oder deutsche, westliche oder christliche) Kultur – und nicht ein Mix aus Kirchennahen und Kirchenfernen, aus Burgenländern und Kärntnern, aus Disco- und Opernbesuchern, aus Bewohnern von Altersheimen und Schülerinnen (und Schülern) an Berufsschulen. Und die Debatte wird dann unredlich, wenn „Fremdes“ konstruiert und auf bestimmte Gruppen projiziert wird: Als gäbe es nicht viele in Deutschland, denen die NPD völlig fremd ist – und viele in Österreich, die in der Ideologie und der Praxis der FPÖ etwas völlig Fremdes sehen.

Prof. Anton Pelinka, 28. 08. 2012


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„Multikulti“ gab´s schon immer

Als Ergänzung zu Ihren Beispielen eines aus meiner eigenen Herkunftsgeschichte: Als Kind eines Eisenbahners und einer Krankenschwester besuchte ich in den Fünfzigerjahren die Frauenoberschule in Wien Hietzing und erlebte dort die „Kultur“ von Industriellenkindern, von Kindern kleiner Gewerbetreibender, von ehemaligen Adeligen, von Chefs in der Privatwirtschaft und von Hohen Beamten und erlebte mich als ziemlich fremd. Mein Vater gab mir mit: „hol Dir ihre Bildung, aber du bleibst eine von uns!“

Dr. Ursula Knittler-Lux, Österreich, freiberuflich

Anton Pelinka