Gewalttaten, bei denen Einzelpersonen gegen Gruppen von Menschen wüten, geschehen nicht ohne Motiv, Anregung, Vorbild. Die Mörder sind wohl Psychopathen, sonst wären sie zur monströsen Tat kaum fähig. Aber man darf sie nicht als Wahnsinnige abtun, oder als Täter aus spontanem Affekt nach akuter Störung der Sinne und des Verstandes. Sie sind aber auch nicht zwangsläufig Angehörige terroristischer Kollektive. Gewalt hat immer eine Vorgeschichte und meist mehrere Motive. Ideologische Affinitäten des Täters wie Antisemitismus oder Muslimfeindschaft, Rassismus oder religiöser Fundamentalismus, politischer Extremismus oder radikales Sendungsbewusstsein spielen eine große Rolle. Und Vorurteile stehen immer am Beginn der Entwicklung, die in Gewalt mündet.

Schlachtrufe, Bekennerschreiben, Manifeste, Botschaften im Internet verweisen auf die ideologischen Komponenten der Hassdelikte. Gewaltfantasien, elektronisch stimuliert und als Präliminarien im Spiel beim Abknallen von "Feinden" agiert, finden ihre Fortsetzung in der mörderischen Tat, bei der Fiktion und Realität in einander übergehen. Waffenfetischismus ist eine wesentliche Komponente der personalen Struktur des Terroristen. Die Alterskohorte der Täter verweist auf den pubertären (aber oft lange anhaltenden) Drang zur aufsehenerregenden Tat, die aus der banalen Existenz des Außenseiters, des Frustrierten, des Losers, für kurze Zeit den vermeintlichen Helden macht, auf den die Welt schaut. Hypertrophe Männlichkeit gehört ebenso zu den Triebkräften des Terroristen wie das Nachahmen heroischer Vorbilder, die als Retter – des Abendlandes, der Nation, einer Glaubensgemeinschaft, beliebiger anderer Kollektive – verehrt oder fantasiert werden. Zur Erforschung der Motive von Gewalttätern hilft außer der Analyse ihrer Männlichkeitsphantasien auch die Untersuchung ihres Verhältnisses zu Frauen.

Das Profil eines Täters

Zum Täterprofil gehören selbstverständlich die Sozialisation und das Umfeld des Amokläufers und Massenmörders. Auch prekäre Familienverhältnisse, ein gestörtes Verhältnis zur Umgebung und Kommunikationsschwäche, die zu Einzelgängertum, zerrüttetem Selbstbewusstsein, Frustration und Isolation des Täters führten, erklären idealtypische Eigenschaften des Attentäters. Angetrieben ist er von fanatischem Sendungsbewusstsein, das sich aus monokausaler Welterklärung und Schuldzuweisung speist. Die Einsamkeit des Täters, seine soziale Isolation machen ihn zum idealen Adressaten von Verschwörungstheorien. Er glaubt, das säkulare Übel erkannt zu haben und spürt den Auftrag zum Kampf gegen das Böse.

Auf seinen Weg geleitet haben den Attentäter Vordenker, Agitatoren, Scharfmacher, die einen erheblichen Teil der Verantwortung für sein Verbrechen tragen. Sie bleiben im Dunkel, waschen die Hände in Unschuld, verurteilen die böse Tat. Der Mord an 77 Menschen, den der 32-jährige Norweger Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 in Oslo beging und als Tat zur "Rettung Europas vor dem Kulturmarxismus und der Islamisierung" im Internet zu motivieren suchte, brachte seine Vorbilder, die er über lange Strecken zitierte, in Erklärungsnot.

Handeln aus Überzeugung

Einzeltäter, die isoliert von aller Welt wüten, gibt es nicht, auch wenn im juristischen Sinn kein steuerndes Kollektiv, keine Bewegung, die den Mordbefehl gab und keine Verschwörerbande, die das Verbrechen ausheckte, zu ermitteln sind. Der Gewalttäter, der die Synagoge, die Kirche, die Moschee als den Ort des Bösen ausmacht, handelt aufgrund einer Überzeugung, die er erworben hat. Sie beruht auf dem Vorurteil, dass es Feinde gibt, die bekämpft werden müssen, dass das Eigene in Gefahr ist, von Fremden erobert, in Besitz genommen oder zerstört zu werden. Der Täter spürt den Auftrag, das Böse zu bekämpfen, über das ihm berichtet wurde. Es müssen nicht einmal wutschnaubende Hassprediger sein, die ihn über die Gefahr, die von Juden oder Muslimen oder von anderen "Feinden" angeblich droht, unterrichtet haben. Denn auch die Metaphern des Alltagsrassismus, der Fremdenfeindschaft und die Ängste vor ungewissen Veränderungen und Bedrohungen verdichten sich mit Erfahrungen und Vermutungen, die zu Gewissheiten werden und das Weltbild prägen.

Die erhellende Botschaft des wortmächtigen Demagogen, der sachkundig wirkende Kommentar des prominenten Populisten vermitteln auf dem nährenden Boden von Vorurteilen das Aha-Erlebnis, fügen Emotionen, Ahnungen, Gewissheiten zur Überzeugung zusammen, die zwingend das Handeln des dazu Berufenen zu erfordern scheint. Die Mission, die in der verbrecherischen Tat erfüllt wird, hat viele Urheber. Die Schuld der mitwirkenden Ideologen ist unzweifelhaft, aber im strafrechtlichen Sinn schwer nachweisbar. Denn der Schritt, der gewonnenen Überzeugung durch Gewalt Ausdruck zu verleihen ist Sache des Täters. Beeinflusst durch Sozialisation, psychische Konstitution, Erlebnis und Erfahrung stilisierte sich der Angreifer der Synagoge in Halle, der als zweitbestes Ziel, weil er ins jüdische Haus nicht eindringen konnte, die Dönerbude attackierte, zum Erlöser, zum Retter, der seine Tat ausführen muss, weil er in vermeintlich höherem Auftrag handelt. Religiosität in fundamentalistischen Verständnis spielt eine verhängnisvolle Rolle in diesem Prozess.

Der Mörder von Halle ist zweifellos ein Antisemit, außerdem auch ein Feind des Islam. Er ist kein isolierter Einzeltäter, denn er agierte eine Weltanschauung, an deren Entstehung viele ihren Anteil hatten. Seine Tat ist aber auch kein Indiz für grassierenden und stetig anschwellenden Antisemitismus der Gesellschaft. Ressentiments gegen Juden, vom stillen Vorbehalt bis zum flammenden Hass gehören zum Bodensatz der Gesellschaft. Daran konnten auch die Gefühle der Schuld und Scham, die eine große Mehrheit der Deutschen schmerzlich spürt, nach dem Holocaust nichts ändern.

Kampf gegen Ressentiments

Zu den verstörenden Wahrheiten über terroristische Anschläge wie zuletzt in Wien gehört die, dass es zwar keine Einzeltäter gibt, die als Indiz dienen sollen, dass die Gesellschaft als Ganzes intakt sei. Dass aber andererseits auch keine geschlossenen Systeme von fanatischen Fundamentalisten existieren, gegen die zum Kreuzzug aufgerufen werden kann, der die Erlösung bringt. Verstörend und bestürzend ist, dass Gewalt ideologisch aufgeladen zunehmend als Methode zur Entladung von Frustration dient. Gegen die allgegenwärtige Option zur Gewalt, agiert in den sozialen Medien, in Computerspielen, in der Berichterstattung und im alltäglichen Unterhaltungsangebot hilft vermehrter Geschichtsunterricht leider so wenig wie verordneter Gedenkstättenbesuch oder der Aufruf zum Kreuzzug gegen schuldige Feinde. Die Forderungen, das Übel dergestalt zu bekämpfen sind lediglich Chiffren der Hilflosigkeit.

Gegen Massenmörder muss das Strafrecht in aller Konsequenz zum Einsatz kommen. Dann ist das Unglück aber schon geschehen. Wichtig ist daher Aufklärung und Prävention. Vorurteile können gar nicht früh genug bekämpft werden durch Aufklärung im Elternhaus und in der Schule. Auffällig Gewordene und Gefährdete wie der Wiener Terrorist gehören in die Obhut einer Sozialarbeit, die das Walten der Exekutive und der Justiz unterstützt. Die Medien haben besondere Verantwortung, die sie auch wahrnehmen müssen. Patentrezepte und schnelle Lösungen gegen Terrorismus gibt es nicht. Die demokratische Mehrheit ist aber auch nicht hilflos gegenüber irrationalen Hass, wie er in Wien zum Ausdruck kam. Die Mehrheit der Vernünftigen muss gemeinsam den Kampf gegen Ressentiments führen, um Gewaltausbrüchen zu begegnen.

(Autor | Wolfgang Benz | Dieser Artikel erschien am 16.11.2020 auf DerStandard.at)

Wolfgang Benz