Manche Vorurteile werden schon bei den verwendeten Begriffen klar. Vorurteile, die sich gegen Menschen richten, die als Asylwerber bezeichnet werden, machen dies zwar nicht in der verwendeten Wortwahl, sehr wohl aber in der begrifflichen Unschärfe deutlich. Unter den Sammelbegriff „Asylanten“ werden in der im Alltag dominierenden Wortwahl Menschen mit höchst unterschiedlichen Problemstellungen und Nöten und ebenso mit einem ganz verschiedenen Rechtsstatus subsumiert. Letztlich trifft der Begriff alle Fremden, alle „Ausländer“, unter grober Vernachlässigung der notwendigen Differenzierungen.

Der Begriff Asylwerber bezieht sich auf einen klaren Status, der im Internationalen Recht in Form verbindlicher Konventionen bestimmt wird. Asylwerber sind Menschen, die vor der Verfolgung des einen Landes in ein anderes flüchten. Der Grund für diese Verfolgung mag in der politischen Aktivität der Flüchtenden liegen, in ihrer religiösen oder nationalen Identität oder in ihrer geschlechtlichen Orientierung. Menschen, die sich darauf berufen, Opfer einer solchen Verfolgung in ihrem Herkunftsland zu sein, haben einen Rechtsanspruch auf ein faires Verfahren, das die Glaubwürdigkeit der Verfolgung zu überprüfen hat.

Politische Flüchtlinge, die als solche anerkannt sind, sind von anderen „Fremden“ zu unterscheiden. Zu diesen zählen legal in ein Land zugewanderte Menschen, die zumeist nicht einer Verfolgung entflohen sind, sondern ihren beruflichen Aufstieg oder ihre soziale Sicherheit im Auge haben. Von diesen sind wieder diejenigen zu differenzieren, die aus zumeist ähnlichen Motiven illegal ins Land gekommen sind. Dabei ist freilich die Unterscheidung zwischen „legal“ und „illegal“ eine zwar – vielleicht – rechtlich eindeutige, aber politisch mehr oder weniger zufällige und damit willkürliche. Denn die Berechtigung zur Zuwanderung kann durch eine politisch motivierte Änderung der Gesetzeslage jederzeit verändert werden.

Wie sehr die Kategorisierung der Fremden oft nur eine Fassade ist, hinter der sich irrationale Motive verbergen, wird in der Geschichte der Migration vor allem im 20. Jahrhundert deutlich. Durch Verfolgung und Krieg wurden Millionen von Menschen zu Flüchtlingen; versuchten – etwa die vom NS-Regime „rassisch“ Verfolgten – die ihr Leben rettende Aufnahme in anderen Ländern zu erreichen; versuchten, als Opfer eines Krieges oder einer ethnischen Vertreibung, irgendwo einen Platz zum Überleben zu finden. Es gibt kaum eine Gemeinschaft, die nicht Grund genug hätte, sich mit einer der verfolgten Gruppen zu identifizieren. Und dennoch gibt es eine Neigung, im Flüchtling nicht jemanden von „uns“, sondern einen „anderen“ zu sehen. Wenn „wir“ aber „unsere“ Geschichte ernsthaft analysieren, werden wir entdecken, dass wir alle Nachfahren von Flüchtlingen sind.

Zitat.PelinkaDie Geschichte der Neuzeit macht deutlich, dass die millionenfache Mobilität von Menschen nicht nur Folge von Katastrophen und Ausdruck menschlicher Not ist, sondern auch eine Chance. Zuwanderung wurde zu einem wesentlichen Faktor wirtschaftlicher Dynamik. Migration war und ist nicht nur subjektive Bedrohung, sondern auch gesellschaftliche (ökonomische, kulturelle) Bereicherung. Die Dekonstruktion der vereinfachenden Urteile über Asylsuchende macht deutlich, dass solche Urteile nicht nur im Widerspruch zur Ethik der universellen Menschenrechte stehen, sondern nur zu oft der „eigenen“ Interessenlage nicht gerecht werden.

Anton Pelinka