Pauschale Stigmatisierung des Islam und der Muslime wird derzeit auf vielen Foren geübt. Überfremdungsängste lassen sich mit der Abwehr von Moscheebauprojekten stimulieren und zweifelhafte Experten agitieren im Schulterschluss mit Rechtspopulisten und Rechtsextremisten (seltsamerweise gleichzeitig mit einer bestimmten Spezies von Linksradikalen), in Bürgerinitiativen, im Internet, in den Medien. Im Zeitalter einer medial leicht und schnell erregbaren Stimmungskultur haben Feindbilder als Welterklärungsmuster Konjunktur.

Verschwörungstheorien

Verschwörungsphantasien gehören zur Grundausstattung aller Arten von Gruppendiskriminierung. Ein zentraler Text verschwörungstheoretischer antisemitischer Diffamierung sind die „Protokolle der Weisen von Zion“, am Ende des 19. Jahrhunderts mit bösartiger Phantasie als judenfeindlicher Traktat in einer Fälscherwerkstatt kompiliert und mit großem Erfolg weltweit in Umlauf gebracht. Das Streben nach Eroberung der Welt durch „die Juden“ soll mit der Schrift, die als angeblich geheime jüdische Quelle Authentizität beansprucht, bewiesen werden. Der Text ist längst als Fälschung entlarvt, was seine Verbreitung aber nicht beeinträchtigt, denn Antisemiten lassen sich durch Tatsachen nicht beirren. Wer „die Juden“ als Bedrohung empfinden will, um damit Ängste zu kanalisieren, lässt sich weder durch die elende Argumentation des Falsifikats noch durch die Reihung abstruser Fiktionen beirren.

Auch Muslimfeinde benutzen gerne die schlichten Welterklärungen, die Verschwörungstheorien bieten. Autoren wie Hans-Peter Raddatz oder Udo Ulfkotte bemühen sich publikumswirksam mit demagogischen Büchern darum, als Experten für die Gefahren aus dem Orient wahrgenommen zu werden. In Talkshows sind solche Populisten willkommen, die Ängste schüren und Gefahren beschwören, die nicht existieren. Zu den zentralen Argumenten der „Islamkritiker“ gehört der Täuschungsvorwurf, die Behauptung, nach dem Koran sei es keine Sünde, Ungläubige zu belügen und zu betrügen. Der arabische Ausdruck “taqiyya“, (zu übersetzen als „bei Gefahr verbergen“) steht in der Interpretation von Muslimfeinden für den angeblich durch die Religion gebotenen Zwang zum Betrug, tatsächlich hat er die Bedeutung, daß der Muslim seinen Glauben in höchster Not, unter Lebensgefahr, verbergen darf. In der christlichen Überlieferung gibt es die Parallele, als Petrus auf Golgatha dreimal Jesus Christus verleugnete. Ihm wurde verziehen und es entstand auch nicht der Vorwurf, das Christentum sei eine Religion, deren Anhänger ungestraft die Nichtchristen durch Lug und Trug traktieren dürften, weil dies ihrer Religion wesensimmanent sei. Die „taqiyya“, die auf die 16. Sure des Koran zurückgeht, und nicht als Täuschungsgebot interpretiert werden darf, hat Parallelen im Arsenal des Antisemitismus.

Reaktion auf Integration

Mit der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Ideologie des modernen Antisemitismus reagierten Teile der Bevölkerung auf einen als bedrohlich empfundenen gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel. Das Feindbild war, wie die Forschung zeigt, auch eine antimoderne Reaktion auf die Emanzipation der Juden, welche die Antisemiten rückgängig machen wollten. Man kann die pauschale Dämonisierung des Islam in der Gegenwart als eine Reaktion auf die Integration von Muslimen betrachten, in deren Verlauf die Bevölkerungsgruppe äußerlich sichtbarer Pull Quotewird, etwa durch den Bau von Moscheen. Im Streit um solche Projekte, das fällt vielen mit dem Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts vertrauten Beobachtern auf, wiederholen sich Motive einstiger Synagogendebatten.

Der aktuelle „islamkritische“, de facto muslimfeindliche Diskurs hat erhebliche xenophobe und kulturrassistische Züge, bedient Überfremdungsängste, argumentiert durchgängig mit religiösen Vorbehalten, die seltsamerweise in den säkularisierten Gesellschaften Europas mit großem Ernst vorgetragen und nachempfunden werden. Die Vorstellungen von Despotie (beginnend in der Familie), Gewaltbereitschaft, Bildungsunlust reichen weit zurück. Sie werden bekräftigt durch Verweise auf den aktuellen Terrorismus von Islamisten und auf das Unrechtsregime im Iran, in der Absicht, Islam und Islamisierung, die Mehrheit der Muslime mit einer Minderheit Gewalt übender Islamisten gleichzusetzen.

Fixiert auf ihr Feindbild wüten Populisten gegen differenzierende Betrachtungsweisen und verteidigen Demagogen ihre eindimensionale Weltsicht. Dass Islamfeindschaft, die Hass gegen eine fremde Kultur predigt und Intoleranz proklamiert, an bekannten Traditionen der Feindseligkeit gegen Menschen wie dem Antisemitismus oder dem Antiziganismus zu messen ist, steht wissenschaftlich außer Frage.

Mehrheit gegen Minderheit

Analogien zwischen Antisemitismus und Muslimfeindschaft sind freilich etwas anderes als der Vergleich oder gar die Gleichsetzung von Juden und Muslimen. Es geht um das Verhalten der Mehrheit gegenüber Minderheiten, um Funktion und Wirkung von Vorurteilen und um die Instrumentalisierung von Feindbildern. Vorurteilsforschung fragt nicht nach dem Wesen von Muslimen oder dem Charakter von Juden. Einstellungen und Aktionen einer gesellschaftlichen Majorität gegenüber Minoritäten – um es noch einmal zu betonen – sind Gegenstand des Interesses, nichts anderes. Deshalb ist auch der Einwand, von Juden sei im Gegensatz zu Muslimen noch nie eine Bedrohung ausgegangen, gegenstandslos. Denn es geht bei der Untersuchung des Mehrheitsverhaltens nicht um Reaktionen auf das Agieren oder die Eigenschaften der Minderheit. Die wütende Abwehr der vermeintlichen Gleichsetzung von Juden und Muslimen ist gegen Differenzierungen immun, agiert lieber emotional als intellektuell und verharrt auf politischen Positionen, die kein aufklärerisches Interesse gelten lassen.

Prof. Wolfang Benz, 01. 09. 2011


Meinungen der Leserinnen und Leser:


 

Verhinderung eines Übergangs von gesellschaftlich tolerierter «Sattelislamophobie» hin zur strukturellen, d.h. staatlich internalisierten Islamophobie

„Das Streben nach Eroberung der Welt durch ‚die Juden’“, heisst heute schleichende – oder in der schweiz gar ‚strategische‘ – Islamisierung. siehe http://www.islamophobia.ch/index.php/de/ Als der islamische Zentralrat Schweiz (islamrat.ch) mit einem gelben (muslimischen) Stern mit der Aufschrift „Muslim“ auf den Tag gegen Islamophobie & Rassismus vor dem Regierungsgebäude auf dem Bundesplatz in Bern aufmerksam machte, gab’s nur ein kurzer Aufschrei der Empörung. Diese ist mittlerweilen abgeklungen und obwohl die Offiziellen Jüdischen Verbänden „den Stern“ immer noch für sich gepachtet haben wollen, bekommen wir nun täglich auch von Juden e-mails die uns recht geben. 

Oscar A.M. Bergamin, Felsberg/Schweiz, Islamischer Zentralrat Schweiz


1. Bei uns sind die Moslems zu Hause, die zu uns geholt wurden, um Primitivarbeiten zu erledigen. Diese Leute können sich nicht von ihren Traditionen lösen, um sich bei uns zu integrieren – seit Generationen. 
2. Bei jeder Gelegenheit fahren sie nach Hause- eine völlig andere Situation als in Amerika, von wo aus sie nicht über ein Wochenende in ihre angestammten Länder fahren können. 
3. Ich habe den Koran auf Deutsch gelesen. Nichts darin wäre dem Christentum fremd als die unglaubliche Verdammung eines Austritts aus dem Islam. Daher . . . . 
4. Viel von dem, was Moslems abhält, sich zu integrieren, ist einfach ihre Tradition und nicht ihre Religion bzw. die ihnen bekannte Interpretation des Koran. 
5. Ich bezweifle, dass die meisten Moslems den Koran wirklich von oben bis unten gelesen haben und darüber nachgedacht haben, sie übernehmen Traditionen, von wem immer (Eltern, Imame, Medresen, etc.) 
6. Man vermisst eine Modernisierung des Islam, vor allem eine Abkehr vom Einfluss der Religion von der Politik 
7. Die Majorität hat es einigermassen satt, sich von Minderheiten tyrannisieren zu lassen.

Christian Leydolt, Wien


„Judenstern“ von Muslimen instrumentalisiert

Auch wenn Oscar Bergamin, der „öffentliche Diplomat“ des IZRS in der Sache „recht“ haben mag, ist die Instrumentalisierung des Judensterns durch Muslime für eigene Anliegen ganz einfach und jedenfalls „diplomatisch“ unangebracht – und MUSS(te) zu Einspruch führen. Es wäre genug des angebracht(er)en symbolhaften Ausdrucks gewesen, sich über eine entsprechende Armbinde zu artikulieren, die mit einem, den Muslimen zuzuordnenden Emblen gekennzeichnet gewesen wäre. Denkenden Menschen wäre der Zusammenhang KLAR gewesen. Nicht denkenden Menschen ist – hüben, wie d’rüben, so – oder so – kaum etwas klar zu machen.
Und es gehört auch zum Wesen öffentlicher Diplomatie, Fehlgriffe nicht (erneut über die Instrumentalisierung der betroffenen Seite) zu rechtfertigen, sondern, ohne die Sache ansich zu verraten und zu verlassen, Schritte wenigstens zu relativieren.

Muhammad Hanel, GSIW, Schweiz


Fehlende Integrationspolitik in Europa

Als ehemaliger Shah-Regime Gegner und Befürworter der Revolution vom Februar 1979 im Iran, bin ich heute der Überzeugung, dass die fehlende Integrationspolitik gegenüber den in Europa lebenden AusländerInnen zumindest zwei negative Folgen mit sich gebracht hat: 
Zum einen, hat man den AusländerInnen nicht die Möglichkeit eingeräumt, sich an den gesellschaftspolitischen und kulturellen Debatten bzw. an den Geschehnissen in ihren sub-kulturellen Kreisen und Gemeinschaften aktiv zu beteiligen. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die AusländerInnen sich weder die demokratischen Prinzpien noch die Essenz und den Sinn der europäischen politischen Kultur aneignen konnten. Die heutigen Diktatoren und Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen in Afrika und Asien haben fast alle in westlichen Ländern studiert, sind jedoch kaum mit einem Demokratieverständnis in ihre Ursprungsländer zurückgekehrt. 
Zum anderen, sind durch die Desintegration von AusländerInnen in den europäischen Gesellschaften verschiedene, nebeneinander lebende sozio-kulturelle Gruppen bzw. Gemeinschaften entstanden, die wiederum – mit einigen Ausnahmen – kaum miteinander Kontakt pflegen. Die Kontaktlosigkeit, Isolation und der Umstand, von anderen nicht verstanden zu werden, auf Seiten der AusländerInnen und die Angst, von fremden Kulturen umgeben zu sein, insbesondere in Zeiten der hohen Arbeitslosigkeit für die Gastgemeinschaften, haben dazu geführt, dass auf beiden Seiten Barrieren errichtet wurden, welche wiederum das Mißtrauen gegeneinander und vor allem Vorurteile seitens des Gastlandes gegenüber ihren ausländischen MitbürgerInnen verstärkten. 
Die heutige europäische Gesellschaft ist in zwei parallel und nebeneinander lebende sozio-kulturelle und zum Teil politisch agierende Gruppen aufgeteilt. Ereignisse wie die Terrorakte vom 11. September 2001 verstärken den Nährboden für Extremismus auf beiden Seiten. Dies wird sicherlich die Fundamente eines auf Demokratie basierenden Staates auf langer Sicht in Gefahr bringen, weshalb eine Aufklärung im Sinne des obigen Artikels und Aktivitäten wie etwa das Dialogforum in Richtung Abbau von Vorurteilen und somit zum gegenseitigen Verständnis beider Gruppen vonnöten wäre.

Homayoun Alizadeh, Vereinte Nationen, Österreich


Die tiefenpsychologischen Wurzeln der Islamophobie

Herzlichen Glückwunsch zu dieser Initiative!

In der Regel wird bei der Vorurteilsforschung mit religiösen, ökonomischen, kulturellen und historischen Argumenten bzw. Methoden gearbeitet.
Wilfried Daim hat in seinem grundlegenden Werk „Die Kastenlose Gesellschaft“ (1960) die (tiefen)psychologischen Wurzeln der Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen herausgearbeitet und auf die dabei vorherrschenden Parallelitäten hingewiesen. Damals ging es um Proletarier, Schwarze, Juden; das Problem der Islamophobie war noch nicht aktuell. Dennoch kann angenommen werden,
dass die von Daim dargestellten Gesetzmäßigkeiten des sozialen Konflikts auch auf das Verhältnis der europäischen Mehrheitsgesellschaft zur muslimischen Minderheit angewendet werden können, genau so aber auch auf das Verhältnis Israel-Palästina.

Daims 500-Seiten-Werk ist längst vergriffen. Es wurde jedoch von mir im Volltext frei zugänglich ins Netz gestellt:

http://www.austria-lexikon.at/af/Wissenssammlungen/Bibliothek/Die_Kastenlose_Gesellschaft_Wilfried_Daim

Mein neues Buch „Wilfried Daim – Querdenker zwischen Rot und Schwarz“ handelt u.a. auch von diesem Problemkreis – auch mit ersten Gedanken zur Islamophobie.

Ich bin überzeugt, dass ohne die Bewusstmachung der tiefenpyschologischen Wurzeln des Vorurteils dessen Bekämpfung nicht gelingen kann. Deswegen würde ich dazu raten, diesem Thema Priorität einzuräumen.

Dr. Peter Diem
Mitherausgeber Austria-Forum http://austria-forum.org
http://peter-diem.at 

Peter Diem, Österreich


Replik auf die Lesermeinungen


Aus den Kommentaren der Leserinnen und Leser, die ich mit grossem Interesse zur Kenntnis genommen habe, möchte ich drei Argumente herausgreifen:

1. Die Gewissheit, eine Minderheit könne sich nicht von ihren Traditionen lösen und sei deshalb unfähig (und unwillig) zur Integration gehört ebenso wie die Feststellung, die Majorität habe es satt, sich von Minderheiten tyrannisieren zu lassen, zur stereotypengeleiteten Abwehr von Minoritäten. Die Vorurteilsforschung hat die Traditionslinien dieser Argumentation bis ins Mittelalter zurückverfolgt mit dem Ergebnis, dass die Gruppen, die ausgegrenzt werden (Juden, Ketzer, „Zigeuner“, Asylbewerber usw.) austauschbar sind. Die Argumente der Ausgrenzung sind (einschließlich des religiösen Vorbehalts) die gleichen. Das sollte Anlass zur Reflexion geben, dass Vorurteile in der Mehrheitsgesellschaft entstehen, die damit ihre Gemeinschaftsgefühle stärkt, und nicht Reaktionen sind auf das Verhalten oder auf Eigenschaften von Minderheiten. Deshalb irritiert die Feststellung, die Majorität habe es satt, sich von Minderheiten tyrannisieren zu lassen. Zur Tyrannei gehört Macht, die Minderheiten aber fehlt.

2. Dass die Aufnahmegesellschaften den Zuwanderern zu wenig Integrationsangebote gemacht haben ist leider wahr. Erkenntnis der Vorurteilsforschung ist auch, dass die Verweigerung von Integration benutzt wird, um die Behauptung mangelnder Integrationsbereitschaft zu stützen. Die Geschichte der Sinti und Roma liefert dafür die Beweise.

3. Die psychologischen Wurzeln der Konflikte zwischen Mehrheit und Minderheit werden tatsächlich zu wenig beachtet. Hier gibt es noch großen Forschungsbedarf.

Prof. Wolfang Benz, 04. 11. 2011


Zu diesem Artikel werden keine neuen Leserbeiträge mehr angenommen.

Wolfgang Benz