Die sozialen Netzwerke des sechsten Kontinents – des Internets – sind wie alle sozialen Beziehungen zunächst eines: Medien der Transaktion und Orte der Bildung von sozialen Identitäten. Netzwerke und auch das Internet haben damit immer eine doppelte Funktion: als Infrastruktur der Übertragung von „Wertvollem“ (Ressourcen, Informationen, Wissen) und als Ausdruck und Bestätigung von „Werten“ (Das bin ich! Das sind wir!). Der „Gefällt mir“-Knopf von Facebook ist wohl das beste Symbol für diese identitätsstiftende Aufgabe. Doch nicht erst seit Hegel wissen wir, dass die Identität immer auch die Differenz mitkonstituiert, so wie das Differente das Identische voraussetzt. Schon das Tao-te-King formuliert vor 2400 Jahren die fundamental negative Dialektik des Lebens: gleichzeitig mit dem was gefällt, was einem angenehm ist, wird das was nicht gefällt, wird das Unangenehme mitproduziert, mit dem Schönen setzt man das Hässliche in die Welt, mit dem Erfolg bereiten wir den Misserfolg vor.

Die neuen sozialen Kreise und Schwärme des Internet funktionieren in dieser Hinsicht nicht anders als die sozialen, symbolischen Segmentierungen der „realen Welt“. Allerdings gibt es eine technische Eigenschaft des Netzes, die für das Thema rund um Entstehung und Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit besonders wichtig erscheint: Die Schwarmlogik des sechsten Kontinents ist von der Pull Quote Katzmair2algorithmischen Logik her fast ausschließlich „ähnlichkeitsorientiert“, das bedeutet das Netz funktioniert mehr oder weniger frei nach der bekannten Logik des online Händlers Amazon „Kunden die dieses Buch gekauft haben, haben auch gekauft …“. Um die Transaktionskosten und kognitiven Dissonanzen für den User zu reduzieren, unterstützt das Internet die Entstehung von sozialen, in sich homogenen Mini-Tribes, die sich in ihren Einstellungen und Meinungen immer mehr synchronisieren. Die wesentlichen Plattformen und Services des Internet wie Google, Amazon, Facebook, Twitter, etc. werden so zu riesigen Filtermaschinen, die dem „User“ die Erfahrung der „Andersartigkeit“, das „Heterogene“ algorithmisch filtern und ihm scheinbar die kognitive, gesellschaftliche Arbeit am Heterogenen abnehmen.

Der Umgang mit dem Heterogenen, all dem was von uns unterschiedlich ist und das wir nicht verstehen, setzt eine Kultur der Ambiguität voraus, die uns nur selten gelingt, wie ein Blick auf den Zustand unserer Welt beweist. Wir alle neigen dazu, uns mit jenen zu umgeben, die so sind wie wir selbst. Wir alle neigen dazu, die Story über uns selbst damit zu beginnen wer wir NICHT sind, wen wir für bösartig, dumm oder gefährlich halten. Je weniger wir uns dessen sicher sind, wer wir selbst sind, umso mehr versuchen wir durch die Abwertung anderer uns selbst zu „stabilisieren“. Und je schneller und weniger fassbar sich die Welt dreht, desto eher neigen wir dazu mit einfachen Mustern und Attribuierungen die Komplexität zu reduzieren. Rassismus reduziert nicht nur Komplexität und schafft damit Entspannung, sondern erhöht für kurze Zeit auch das Gefühl der eigenen „Solidität“. Rassismus ist damit ähnlich wie Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, Klassen- und Standesdünkel, Hierarchismus, etc. das Ergebnis eines gescheiterten Umgangs mit der Ambiguität der Wirklichkeit mit all der Erfahrung von Unlust, kognitiver Dissonanz und Schmerz.

Indem die neuen Medien die Segmentierung, Fragmentierung und lokale Homogenisierung der Welt zumindest mit-unterstützen, tragen sie zurzeit wenig dazu bei ein realistischeres Bild zu verbreiten, was denn die Rolle des „Anderen“ ist. Im Gegenteil, es ist kein Zufall dass etwa HC Strache was die Anzahl der „Freunde“ anbelangt der erfolgreichste Politiker in Facebook ist. Er gibt seiner Klientel das, was sie sucht – Identität, das Gefühl jemand zu sein, sich überlegen fühlen zu dürfen. Das Internet ist ein perfektes Medium des „Community Buildings“ rund um ein Ressentiment. Es ist auch kein Zufall das Shit-Storms fast ausschließlich negative Themen betrifft und meistens gegen jemanden gerichtet sind und selten für jemanden. Zugleich sind Shit-Storms auch ein Beispiel der Fragilität und Kurzlebigkeit der Identitätsbildung am gemeinsamen „Feind“: Der Sturm kostet Energie und erschöpft sich schnell, muss immer wieder erneuert werden, durch neue Feindbilder, neue Shit-Storms. Dem Ressentiment ist somit eine schlechte Unendlichkeit eingeschrieben, das Gift des Ressentiments muss immer wieder neu verabreicht werden.

Es muss allerdings betont werden dass das Internet nicht die Ursache der Ausbreitung von Islamfeindlichkeit, Sexismus, Rassismus ist. Es ist Verstärker und technischer Echoraum der Verdichtung und Synchronisierung von identitätsstiftenden Stories. Pull Quote Katzmair1Die Empfänglichkeit und Sehnsucht nach dem Ressentiment ist Ausdruck eines Bewusstseins und einer Kultur, die das „Andere“ (als Symbol für all jenes, das sich im eigenen Leben „nicht ausgeht“) loswerden möchte, um sich endlich selbst ein für alle Mal von der Prozesshaftigkeit und Polarität des Lebens abschotten zu können. Es ist die Abwesenheit einer Kultur der Ambiguität die online- und offline Netzwerke charakterisiert und das reicht von rechtspopulistischen Politikern bis tief hinein in konservative sowie liberale und linke Kreise: Wir alle sind Teil des Rassismus-Problems, solange wir uns nach einer heilen Welt ohne Störgeräusche sehnen und diese auch – wenn wir bloß genug Macht und Einfluss hätten – für politisch-technologisch durchsetzbar halten.

Da das Internet zunächst einfach nur technische Infrastruktur ist, gäbe es nicht auch Möglichkeiten das Netz ganz anders zu verwenden? Was wäre, wenn die Algorithmen uns nicht nach Ähnlichkeit verbinden würden, sondern nach unserer Differenz? Was wäre, wenn jeder fünfte Song der vorgeschlagen wird, nicht unserer eigenen „Präferenzwolke“ entstammen würde, sondern aus einer Wolke kognitiver und sozialer Distanz? Was wäre, wenn wir nach komplementären Eigenschaften (alt-jung, verliebt–getrennt, Rapmusik – Schlagermusik etc.) unsere „Freunde“ in Facebook vorgeschlagen bekämen? Hier ist sehr viel wissenschaftliche und künstlerische Forschungs- und Experimentierarbeit denkbar und möglich. Das Ziel wäre ein Internet, das uns nicht einlullt und träge macht, sondern das Algorithmen einsetzt, die die Kultur der Ambiguität und der Diversität fördern und uns damit lebendiger macht und uns wachrüttelt aus unserem selbstgefälligen Schlaf.

Harald Katzmair

Harald Katzmair