Migration beeinflusst das Lebensumfeld Schule ohne Zweifel sehr stark. Kinder und Jugendliche verschiedener Herkunftsländer und Muttersprachen treffen dort jeden Tag zusammen. Damit ist Schule aber auch der Ort, der positive Anpassungsprozesse fördern kann und soll.

In der psychologischen Forschung wird davon ausgegangen, dass Migration sowohl den Migrantinnen und Migranten als auch den Einheimischen Anpassungsleistungen abverlangt. Diese Anpassungsprozesse werden unter dem Oberbegriff der Akkulturation zusammengefasst. Für die Akkulturation sind gemäß der einschlägigen Modelle zwei Dimensionen wichtig: erstens Kontakt und zweitens Identität.

Kontaktsituationen, die unterstützende soziale Beziehungen ermöglichen, sind entscheidend für eine positive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Während Freundschaften zu positiven Entwicklungen beitragen, können negative soziale Beziehungen, die mit Aggression und Gewalt einhergehen, auch langfristig negative Konsequenzen haben. Identität ist ein komplexes Konstrukt, das eine Vielzahl relevanter Bereiche wie zum Beispiel das Geschlecht sowie die nationale, ethnische und kulturelle Zugehörigkeit beinhaltet. Die Entwicklung der Identität wird aufgrund von kritischen Lebensereignissen (wie zum Beispiel Migration), aber auch im Zuge von Reifeentwicklungen (wie zum Beispiel Pubertät) verstärkt angestoßen. Migrationserfahrungen bringen meist mit sich, dass die kulturelle, ethnische oder nationale Identität bewusster wird, als sie vorher war.

Integration durch einen selbst

Aus den beiden Dimensionen – Kontakt und Identität – ergeben sich in dem weit verbreiteten Akkulturationsmodell von Berry (1997) zwei Grundfragen, die sowohl die Migrantinnen und Migranten als auch die Einheimischen beantworten müssen:

Frage 1 (Sicht der Migrantinnen, Migranten und Einheimischen): Wird es als wertvoll erachtet, Beziehungen zu Menschen anderer kultureller Gruppen einzugehen, oder gilt es als wertvoll, sie zu vermeiden? Frage 2 (Sicht der Migrantinnen und Migranten): Wird es als wertvoll erachtet, die eigene kulturelle Identität und ihre Merkmale beizubehalten, oder gilt es als wertvoll, sie zu verändern? Frage 2 (Sicht der Einheimischen): Ist es akzeptabel, dass Immigrantinnen und Immigranten ihre eigene kulturelle Identität und ihre Merkmale beibehalten?

Aus der Kombination der Antworten auf diese beiden Fragen ergeben sich aus der Perspektive der Migrantinnen und Migranten die vier Akkulturationsstrategien Integration, Separation, Assimilation und Marginalisierung (siehe Abbildung 1), die von einzelnen Personen oder ganzen Gruppen verfolgt werden können. Analog ergeben sich für die Einheimischen vier Akkulturationsorientierungen (siehe Abbildung 2).

Integration durch Gesellschaft

Die Integration von Migrantinnen und Migranten hängt somit nicht nur davon ab, inwieweit sich die Mitglieder dieser Gruppen integrieren wollen, sondern auch davon, ob beziehungsweise inwieweit die aufnehmende Gesellschaft dies zulässt. Wobei in der psychologischen Forschung i. A. zwischen zwei Arten der Anpassung unterschieden wird: psychologische Anpassung und soziokulturelle Anpassung. Bei psychologischer Anpassung geht es um Selbstwertgefühl, Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, Angst, Depression et cetera. Unter soziokultureller Adaptation versteht man die Qualität sozialer Beziehungen, soziale und interkulturelle Kompetenz sowie Schulleistungen.

Empirische Studien zu den Akkulturationsstrategien zeigen, dass jugendliche Migrantinnen und Migranten dann die beste psychologische und soziokulturelle Anpassung aufweisen, wenn sie entweder eine Integrationsstrategie oder eine Separationsstrategie verfolgen. Das heißt, jene Jugendliche, die ihre eigene Identität nicht aufgeben, hatten das höchste Selbstwertgefühl, waren mit ihrem Leben am zufriedensten, hatten nur wenig Angst, waren kaum depressiv, hatten die meisten Freundinnen und Freunde und die besten Schulnoten. Allerdings halten wir – mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung – Integration für die anzustrebende Akkulturationsstrategie.

Eigene Kultur wertschätzen lernen

In unseren eigenen Studien haben wir positive und negative Peer-Beziehungen (Freundschaften, Mobbing) in multikulturellen Schulen untersucht. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass Schule nicht nur der Ort ist, wo die verschiedenen Kulturen einander begegnen, sondern auch der Ort, wo positive soziale Beziehungen aktiv aufgebaut werden sollten. Zur Förderung und Unterstützung einer erfolgreichen Integration von Migrantinnen und Migranten empfehlen wir, in der schulischen Praxis Maßnahmen zu setzen, die es Immigrantenkindern ermöglichen, ihre eigene Kultur wertzuschätzen und nicht aufzugeben; Bedingungen schaffen, damit Freundschaften zwischen Kindern und Jugendlichen verschiedener kultureller Gruppen entstehen; das Eskalieren ethnischer Konflikte vermeiden.

Insgesamt plädieren wir für eine intensive Kooperation zwischen Wissenschaft (hier sind viele unterschiedliche Disziplinen beteiligt und gefordert), Lehrerinnen und Lehrern, Eltern, Schulaufsichtsbehörden, NGOs und vor allem der Politik, um die Herausforderung der schulischen Integration von Migrantinnen und Migranten erfolgreich und nachhaltig zu bewältigen.

(Autorin | Christiane Spiel | Dieser Artikel erschien am  24.11.2020 auf DerStandard.at)

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