Nicht nur unter liberalen islamischen Denkern, sondern auch in konservativen theologischen Kreisen und selbst unter islamistischen Gruppierungen, die bis in die jüngste Vergangenheit Gewalt praktiziert haben, gibt es heute eine aktuelle Auseinandersetzung um den Stellenwert von Gewalt im Islam: Eine Auseinandersetzung, in der nicht pazifistisch argumentiert wird, wohl aber mit Überlegungen, die sich auf Koran und Sunna berufen.

Dass die islamische Theologie genügend Argumente und Ressourcen besitzt, um dem sogenannten Islamischen Staat entgegenzutreten, zeigt unter anderem der „Offene Brief an den Anführer der Terrororganisation, al-Baghdadi“, der am 27. September 2014 veröffentlicht wurde. Verfasst wurde er von über hundertzwanzig namhaften Gelehrten, die größtenteils aus einem konservativen Spektrum des Islam kommen. Der Großmufti von Ägypten, Scheich Shawqi Allam, und der Gründer der Vereinigung der Religionsgelehrten (Ulama) des Iraks, Scheich Ahmad Al-Kubaisi, sind darunter, ebenso wie Gelehrte aus dem Tschad und Nigeria bis zum Sudan und Pakistan.

Insgesamt 24 Vergehen, derer sich der sogenannte Islamische Staat schuldig macht, wurden genannt und mit Verweis auf die Heiligen Schriften verurteilt. „Es ist im Islam verboten, Unschuldige zu töten.“ „Es ist im Islam verboten, Sendboten, Botschafter und Diplomaten zu töten; somit ist es auch verboten, alle Journalisten und Entwicklungshelfer zu töten.“ „Jihad ist im Islam ein Verteidigungskrieg. Er ist ohne die rechten Gründe, die rechten Ziele und ohne das rechte Benehmen verboten.“ Oder: „Es ist im Islam verboten, Christen und allen „Schriftbesitzern“ – in jeder erdenklichen Art – zu schaden oder sie zu missbrauchen.“ „Es ist eine Pflicht, die Jesiden als Schriftbesitzer zu erachten.“ Dem selbsternannten Kalifen, dem 1971 im Irak geborenen al-Baghdadi, sprechen sie jegliche Autorität und Kompetenz dafür ab, rechtsverbindliche Aussagen zu treffen.

Es gäbe zudem im Koran und in den Hadithen eine festgesetzte Auslegungsmethode: Alles, was zu einer bestimmten Fragestellung offenbart wurde, muss in seiner Gesamtheit betrachtet werden. Man darf nicht einen Vers interpretieren, ohne den gesamten Koran und alle Überlieferungen zu beachten. Dagegen sei das Verfahren, sich einzelne Verse aus dem Koran herauszupicken, um eine bereits vorgefasste These zu belegen, aus islamisch-theologischer Sicht nicht richtig und ein Zeichen der Ignoranz.

Auch liberale islamische Denker, Theologen und Intellektuelle leisten ihren Beitrag zum Verständnis des Islam als einer Religion der Barmherzigkeit und nicht des Krieges. Argumentiert wird damit, dass der „Geist des Islam“ etwas Größeres sei als einzelne koranische Weisungen und in dessen Licht einzelne Aussagen im Koran nachrangig seien. Die Tendenz in theologischen Kreisen, von einem „Geist des Islam“ zu sprechen, kann eine harmonisierende oder verharmlosende Note haben, sie kann aber auch dazu verwandt werden, eine neue Ethik, eine neue Einstellung zur Gewalt koranisch zu begründen, die es in früheren Interpretationen so nicht gegeben hat. Es ist etwas Neues und die Debatte ist voll im Gang.

Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, entwarf in seinem neuen Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ das Bild eines liebenden, gütigen Gottes und bezeichnete den Koran als einen „Liebesbrief Gottes an die Menschen“. „Gott ist kein Diktator“, lautet seine Botschaft. Der Theologe fordert eine Befreiung des Glaubens. Für eine historisch-kritische Methode tritt auch Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien ein, ferner Fazlur Rahman (1919-1988), ein pakistanischer Philosoph und liberaler islamischer Denker, der von 1969 bis zu seinem Tod als Hochschullehrer an der University of Chicago tätig war. Er hat eine Interpretationsmethode entwickelt, um die Botschaft des Korans in die heutige Zeit zu übertragen. „Double Movement“ nannte Rahman sie. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die islamisch-theologische Schule von Ankara, die zu den führenden Vertretern der modernen Koran-Hermeneutik gehört, aber auch iranische Frauenrechtlerinnen, die Gleichberechtigung fordern und mit dem Geist des Korans argumentieren.

Es kann aber auch in eine andere Richtung gelehrt werden, wenn nämlich versucht wird, den Boden einer expansiven, gewaltorientierten Islaminterpretation zu bereiten. Beispiele gibt es hier genug. Wenn man sich die Ideologie des IS anschaut, so wird man feststellen können, dass auch Terroristen sich auf den Islam berufen. Sie beziehen sich auf Aussagen der Heiligen Texte, um ihre Taten und sich selbst legitimieren zu können. Deshalb kann man nicht sagen, dass der Islam mit den Kriegen in Syrien und im Irak nichts zu tun hat. Es sollte zumindest die Frage gestellt werden: „Was, wenn doch?“ Nur dann wird es möglich sein, die Anwendung von Gewalt aus einer innerislamischen Perspektive kritisch zu hinterfragen.

Die Mehrheit der Muslime und Musliminnen wehrt sich zu Recht gegen eine Vereinnahmung ihrer Religion durch die Dschihadisten. Die meisten Opfer von islamistischem Terror sind Muslime, und sie sind von den Gewalttaten der Terrormiliz schockiert. Die Distanzierung und Verurteilung der Gräueltaten des IS ist eindeutig, wenn auch ihre Positionierung nicht immer genug beachtet wird. So haben sich alle muslimischen Dachverbände in Deutschland wie auch anderswo in Europa mehrfach von der IS-Mörderbande distanziert. Ebenso haben sich die Professorinnen und Professoren für Islamische Theologie an den deutschen Universitäten eindeutig positioniert: „Deutungen des Islam, die ihn zu einer archaischen Ideologie des Hasses und der Gewalt pervertieren, lehnen wir strikt ab”, heißt es in ihrer Stellungnahme.

Es bleibt dennoch das Problem der Mehrdeutigkeit; die Tatsache, dass in den Quellen des Islam unterschiedliche Aussagen enthalten sind, die geordnet und gewichtet sein sollten. Der Koran ist zwar nach muslimischer Überzeugung das Wort Gottes und daher im Wortlaut nicht zu ändern. Der Koran ist Offenbarung, Rechtleitung, aber doch kein Handbuch des Zivil- und Völkerrechts, der Ethik oder detaillierter Verhaltensregeln. „Islam ist das, was wir daraus machen“, so Ednan Aslan: „Der Islam ist, wie die Muslime sind. Der Koran ist zwar ein abgeschlossenes Buch, aber unser Verständnis der Heiligen Schrift ist ein ununterbrochener Prozess. Eine Religion ist deshalb nie fertig, weil die Menschen ständig an ihr arbeiten.“

Prof. Dr. Jordanka Telbizova-Sack