Zu Recht weist Wolfgang Benz darauf hin, dass die steigende Islamophobie im Lichte gesellschaftlicher Veränderungen und hier v.a. der Sichtbarwerdung von MuslimInnen in den europäischen Gesellschaften zu sehen ist. Und wie Anton Pelinka erklärt, verbreiten sich islamophobe Vorurteile gleichzeitig nicht entlang realer Begebenheiten. Vielmehr sagen sie – ganz nach Sartre – mehr über die Vorstellung der Islamophoben aus, denn über die als „muslimisch“ wahrgenommenen Gegenstände.

Idealisierung des „Eigenen“

Die Islamophobie dient neben der Imagination des „Fremden“ im Wesentlichen der Imagination des „Eigenen“. Es findet demnach nicht nur eine Homogenisierung der MuslimInnen statt („alle Muslime sind gewaltbereit“, etc.), sondern auch eine Homogenisierung des „Eigenen“. Wenn die „Welt des Islams“ als rückständig und gewalttätig gezeichnet wird, impliziert dies im Umkehrschluss die Fortschrittlichkeit und Friedfertigkeit des Eigenen. Die Konstruktion des Feindbildes Islam dient der Schaffung wie der Idealisierung des kollektiven „Wir“. Die Heterogenität der als „eigen“ konstruierten Hafez QuoteGemeinschaft verschwindet. Ebenso die Brüche und Mängel innerhalb der Gesellschaft.
Als Beispiel sei der Diskurs um Zwangsverheiratung genannt. Ohne Zweifel ist diese Praxis zu verurteilen. Diese spezifische Art der Gewalt an Frauen wird gemeinhin mit muslimischen Familien in Verbindung gebracht. Ohne ausschließen zu wollen, dass diese Praxis auch bei muslimischen Familien vorkommen kann, ist die Tendenz der „Muslimisierung“ dieser Praxis völlig einseitig. Zum einen, weil sie in vielen Familienstrukturen von Menschen mit Migrationshintergrund unabhängig von der religiösen Identität vorkommt. Andererseits, weil selbst in ländlichen Gebieten in Europa (womit nicht nur Osteuropa gemeint ist) diese Praxis ihre Anwendung findet. Der religiöse oder kulturelle Hintergrund ist damit nicht der ausschlaggebende Faktor. Bei der Debatte kommt zudem der Aspekt des Zwangs gegenüber beiden Geschlechtern viel zu kurz. Darüber hinaus werden mit der Thematisierung der Unterdrückung der Frau bei MigrantInnen die Schieflagen sowie Kluft zwischen Anspruch und Realität in der Stellung der Frau beiseitegelegt. Das betrifft sowohl die Rolle der Gewalt an Frauen in der Familie, wovon in Österreich ein Drittel aller Frauen betroffen ist, wie auch Aspekte des ungleichen Lohnes, worunter Frauen in ihrer Gesamtheit leiden. Die gebetsmühlenartige Predigt über die unterdrückte muslimische Frau dient maßgeblich der Aufrechterhaltung des idealisierten Bildes der freien Frau des Westens.

Tradition islamfeindlicher Positionen

Seit langem sind islamophobe Positionen nicht mehr am Rande der Gesellschaft zu finden. Zum einen, weil anti-muslimische Stereotype kein neues Phänomen sind. Sie weisen im Gegenteil eine lange Geschichte auf und sind nicht erst mit dem 11. September aufgetaucht (wenn sie sich auch verändert haben). Wie Edward Said in seinem Klassiker „Orientalismus“ bereits festgehalten hatte, wurde der „islamische Orient“ als Gegenbild zum „Westen“ konstruiert. Die lange Geschichte zeigt sich nicht nur in Alltagsausdrücken wie „getürkt“ (ausgetrickst), sondern auch in architektonischen Monumenten (der als Akrobat dargestellte „Epileptiker Mahomet“), Legenden (die in Österreich bekannte Kindergeschichte „Hatschi Bratschi Luftballon“ etwa), Schulbüchern, der Wissenschaft (der Mythos der politischen Natur des Islams) ebenso wie in zeitgenössischer Belletristik (von „Nicht ohne meine Tochter“ bis Hirsi Alis Schriften) oder aber in der Popindustrie (etwa das Lied „Supertürke“ von der EAV, Erste Allgemeine Verunsicherung). Andererseits stellen islamophobe Positionen kein gesellschaftliches Tabu dar. Islamophobe Positionen sind nicht nur im Diskursfeld Islam hegemonial. Zusätzlich gilt, dass man/frau islamophob sein kann, ohne befürchten zu müssen, als Rassist abgestempelt zu werden. Islamophobie wird in Teilen der politischen Elite geduldet und sogar verbreitet. Das zeigte Patrick Bahners in seinem Buch „Die Panikmacher“ am Beispiel der Christdemokraten in Deutschland. Und das lässt sich auch für andere Länder innerhalb der westlichen Hemisphäre sagen.

Islamfeindlichkeit wird als „normal“ geduldet

In Ländern wie Österreich sind es derzeit an die 25 Prozent, die der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs ihre Stimme bei der nächsten Nationalratswahl geben würden. Die FPÖ fährt seit 2005 einen explizit islamfeindlichen Kurs mit Wahlkampfplakaten, die „Daham statt Islam“, „Pummerin statt Muezzin“ und „Abendland in Christenhand“ titelten. Die Forderungen gegenüber der muslimischen Bevölkerung Österreichs sind nicht weniger von einer feindseligen Dichotomie geprägt. Das bedeutet zwar nicht, dass 25 Prozent der österreichischen WählerInnen aufgrund dieser islamophoben Positionen die FPÖ wählen. Dennoch wählt ein Viertel die FPÖ trotz dieser Positionen. Die Duldung der Islamfeindlichkeit als Normalität ist nicht weniger problematisch.
Zur Bekämpfung islamophober Vorurteile bedarf es in einem ersten Schritt der Anerkennung ihrer hegemonialen Kraft. So vielfältig die Orte sind, an denen Islamophobie wirkt, so vielfältig müssen auch die (v. a. präventiven) Gegenstrategien sein, um der weiteren Akzeptanz dieser Vorurteile zu begegnen.

Dr. Farid Hafez , 31. 10. 2011


Meinungen der Leserinnen und Leser

Die Kommentare der Leserinnen und Leser geben nicht die Meinung des Instituts oder der Experten wieder.


Der Erbfeind greift an! 

Die erschreckend unproportionale Angst vor dem Islam im Vergleich zur tatsächlichen Gefahr von Angriffen durch explizit muslimische Tätergruppen, ist nur eine (relativ) neue Blüte einer uralten Erscheinung – „Einigung durch Angst“! Eine Gesellschaft, besonders eine die am Scheideweg steht oder eine Krise zu bewältigen hat schafft sich ein generelles feindbild um von sozialen oder anderen Problemen abzulenken, wir haben eine Wirtschaftskrise und die Globalisierung schreitet voran und schon steigt die Akzeptanz solcher Praktiken an.
Die Muslime erfüllten diesen Zweck schon einmal, während der Kreuzzüge als Gegenentwurf zur christlichen Welt; das geschah als die Welt im Umbruch war und die Hölle als „Feindbild“ zu abstrakt wurde. Aber zwischen diesen beiden Episoden der Angst vor dem „Muselmann“ lagen viele andere Feindbilder, Evangelikale, Katholiken, Franzosen, Industrielle Revolution, schon wieder die Franzosen, Kommunisten, Juden und französische Kommunisten jüdischen Glaubens, wenn die Politik nicht weiter weiß sind immer „die Anderen“ schuld.
Was die westliche Kulturlandschaft der muslimischen Welt schuldet, will ich hier gar nicht im Einzelnen auflisten, aber es ist eine Menge, ohne die es gar keine „westliche Kulturlandschaft“ gäbe. Das Problem, das heute erschwerend dazukommt ist die Aufspaltung eines Hasses, der ähnlich eines Insektenstichs wirkt; er öffnet auf der Basis der Islamophobie kleine „Infektionsherde“, die das große Ganze schwächen.
Um Österreich und Deutschland erst einmal etwas hinten anzustellen, schauen wir es uns am Beispiel der Schweiz an: Mit der Neutralität des einzelnen Schweizer ist es nicht weit her, inzwischen ist neben dem Moscheebau ein weiteres Reizthema aufgekommen, welches mit vergleichbarer Verbissenheit verfolgt wird – die Deutschen! Wir Deutschen sind in der Schweiz heute das, was viele (meist sehr konservative) Deutsche in den Türken sehen. Parolen, die fatal an die Propaganda des NPD-Klientels erinnern, sind keine Seltenheit mehr, „Die Schweiz den Schweizern“, „Deutsche als Volksschädlinge“ etc. in Kombination mit der Position zum Minarettbau zeichnet es ein düsteres Bild der politischen Eidgenossen. Aber worauf ich hinaus wollte ist, dass wenn mehr z.B. Deutsche sich klar machen würden wie leicht man selbst zum Alibifeind und Ablenkungsmanöver wird, es weniger geben müsste, die solche Feindbilder unbesehen akzeptieren, was auch eine neue Bewertung bei Islamophobie zur Folge haben könnte.
Wenn der Feind wegfällt, treten die realen Problme zu Tage, deshalb sind die USA nun auch bockig wie verwöhnte Kinder, dass die Palästinänser in die UNESCO aufgenommen wurden; das lässt diese ein Stück weiter auf Augenhöhe steigen und damit kann man sie nicht mehr so leicht abstempeln; dabei sind die USA und auch Israel (so wie Deutschland welches auch gegen die Aufnahme stimmte) der UNESCO und ihren Zielen verpflichtet, nicht umgekehrt. Es wird immer die geben, welche uns einen kollektiven „Feind“ als Sündenbock präsentieren wollen, schwierig und gefährlich wird das nur wenn wir ihnen unbesehen glauben, was sie erzählen. Darum muss beim Kampf gegen falschverstandene Sicherheitspolitik, gegen Islamophobie, wie auch gegen Vorurteile im Allgemeinen die oberste Pflicht darin bestehen, selbst zu denken.

Bartimäus Mandrago, BRD


Hier wurde ein interessanter Punkt angeschnitten, die Aufnahme der Palästinänser in die UNESCO: Über lange Jahre waren die Muslimen im Allgemeinen und die Palästinänser im Besonderen eine Art Projektionsfläche, besonders für die USA. Was hat ihre Phantasie von der „Weltpolizei“ denn gebracht? Was Israel in seiner Politik betreibt ist schon menschenverachtend und eine realere Gefahr für viele Zivilisten als eine abstrakte Verschwörung „des Islam“ gegen die westliche Welt. Und genau da liegt das Problem, je weiter das offizielle Palästina in ebenso öffentliche Bereiche drängt, desto weniger kann Israel entgegen der Normen der internationalen Staatengemeinschaft handeln, und die USA müssen dann irgendwann die Fage beantworten worum sie Sharon und alle anderen haben gewähren lassen. Dabei zeigt sich wie sehr dieser WESTLICHE Staat das Vorurteil benötigt, als Schutzschild gegen die Wahrheit und die daraus entstehenden unangenehmen Fragen. Und Genau das ist der eigentliche Punkt, nicht die islamische Welt ist der „Erbfeind“ sondern unsere eigene Angst, solange wir vor den Folgen unseres Handelns Schutz suchen hinter den Vorurteilen welche so viel bequemer sind als die Wahrheit, können wir die Welt nicht heilen von den Folgen einer sollchen Politik (welche wie gesagt ihren Ursprung nicht in der arabischen Welt hat sondern in der amerikanischen)

Theobaldis Mayer, Deutschland


Desinteresse 

Das Desinteresse in der gesellschaft ist eines der größten Probleme im Umgang mit der Problematik der Vorurteile, hier natürlich auf Seite des Islamverständnsses.
Die meisten Leute wollen nur verstehen was ihnen gefällt, eine differenzierte betrachtung der kulturellen und soziologischen Bereicherungen will kaum jemand realiesieren, es passt einfach nicht ins Bild das man sich selbst schafft.
Eine solche haltung führt in der Betrachtung zu Scheinkorrelationen welche dann in vermeintlichen Selbstverständlichkeiten gipfeln, hier wurde die Positio Israels angesprochen, dies möchte ich als konkrettes Beipiel aufgreifen.
Israel nahm sich mehr als ihnen zustand als sie nach Palästina kammen und treiben die Deskalation nicht gerade vorran,ihre neueste Aussage zu militärischen Plänen in Bezug auf den Iran ist als würde man ein Streichholz an ein Pulverfass halten.
Dieses Volk musste in einer Zeit der Vorurteile ihre dunkelste Stunde erleben, nun sind sie dabei diese Fehler selbst zu wiederholen.
Heißt das das Vorurteile und Ideologien wie Krankheiten sind und diejenigen welche zu intensiv mit ihnen in Berührung kommen sich infizieren?
Die momentane Situation legt diesen Schluss nahe, nun müssen wir entscheiden ob wir das wollen.
Den ob unsere Welt diese Epidemie überstehen darf wenigstens bezweifelt werden.

Hildegurt Zibbel, Deutschland


Aktuelle Entwicklung

Wohin die gegenwärtige Stigmatisierung einer Richtung und die stillschweigende Akzeptanz einer vorurtelsbelateten Partei führen kann, sieht man gerade in Deutschland. Das Vorurteil ist die Wurzel von Hass und moralischem Verfall; aber nur in einem Klima der Hinnahme kann daraus ein giftiges Kraut sprießen, welches in unserer Gesellschaft wie ein Geschwür wuchert. Die Warnungen vor diesen Taten hört man schon lange, nur wurden sie bis dato offen ignoriert. Jeder hat eine Verantwortung für die Gesellschaft die ihm Heimat ist, das muss uns allen klar werden. Es sind nicht die, welche solche Taten begehen, welche die größte Gefahr darstellen – Ewiggestrige wird es leider immer geben-, sondern die, welche es zulassen, dass sich diese Ideologie in der folgenen Generation festsetzen kann, genährt durch Desillusion, Verzweiflung und Mangel an Verständnis für die Folgen des Vorurteils.

Ramon Michaelis, Deutschland


Welt in Scherben

So jetzt wird es aber Zeit diese Diskussion endlich fortzuführen, seit langem bewegt sich weder von den Autoren noch von den Kommentaren etwas.
Wärend hier das Interesse an der Aufarbeitung von Vorurteilen, was doch wohl das Ziel und der Sinn dieser Seite sein sollen, zerbricht die Welt um uns herum in Scherben, rechter Terror in Deutschland, Fanatismus in der Schweiz, Unruhen in Syrien, zweifelhafte Wahltaktiken in der Demokratischen Republik Kongo und Angriffe durch Raketen auf Israel (diesmal aus dem Libanon) und dar Israel alles andere als ein parzifistischer Staat ist wird das noch ein Nachspiel haben wie schon zu oft (Sabra und Shatila, die Einheit 101 und „Das Symptom“ von Beirut) und das nur mit Bezug auf den Libanon.
Ich weiß das die Welt sich nicht wendetnur weil ein paar Leute etwas schreiben, doch veränderung beginnt immer mit dem Verstehen und das beginnt mit der Reflexion.
Uns alle einigt ein Bestreben, das nach Gerechtigtigkit, sollte das wirklich zu viel verlangt sein?
Solange das Vorurteil die Welt als Rechtfertigung durchwandert für jedes Vergehen das mehr als ein einzelnes Verbrechen ist kann es keine Hoffnung mehr geben; denn wir verurteilen sich den Mörder sondern den der allein tötet, wie viele müssen sterben bis es genug ist und wie viele bis es und egal ist?

Bartimäus Mandrago, BRD

Farid Hafez