Es ist seit einiger Zeit Mode, die Idee der multikulturellen Gesellschaft als gescheitert zu erklären, als Hirngespinst, als Totgeburt linker und liberaler Romantiker. Als ungenießbare Frucht der 68er-Bewegung wird der Begriff Multikulti und alles, wofür er steht, diffamiert. Die mangelnden, oder nicht über Nacht eingetretenen Erfolge halbherziger Integrationspolitik werden von Multikulti-Gegnern als Wirkung mangelnden Integrationswillens von Zuwanderern erklärt, nicht als Folge zu geringer Integrationsangebote. „Multikulti“ bedeutet weder tatenloses Tolerieren mehrheitsfeindlicher Parallelgesellschaften noch die bedingungslose Hinnahme von Eigenarten der Migranten, die dem Werteverständnis der Mehrheit widersprechen.

In jedem Einwanderungsland gibt es vorübergehend Parallelgesellschaften als unmittelbare Folge des Immigrationsgeschehens. Die erste Generation lebt, schon aus sprachlichen Gründen, in der Regel im Ghetto, sucht die Nähe zu Menschen gleicher Herkunft auch deswegen, weil sie von der Mehrheitsgesellschaft noch nicht angenommen ist. Das ist unter Migranten, die aus Griechenland kommend in Australien Bürger werden, nicht anders als bei Menschen, die von Polen nach Kanada wandern oder aus Vietnam nach Deutschland oder Österreich.

In den USA gibt es mehr als 16 Millionen Einwanderer aus Ländern muslimischer Kultur, die zwar ihrer Herkunft bewusst aber deshalb nicht in Parallelgesellschaften leben. Parallelgesellschaften sind, das ist Zitateine Erkenntnis der Migrationsforschung, nicht statisch. Sie bilden vielmehr ein Stadium des Übergangs und sie sind nicht grundsätzlich antagonistische Aktionsfelder, auf denen sich Minderheiten feindlich gegen die Mehrheit profilieren. Die Dauer der jeweiligen Parallelgesellschaft hängt ganz wesentlich von den Integrationsangeboten des Einwanderungslandes ab. Der Patriotismus der Bürger der USA beruht möglicherweise darauf, dass Zuwanderer willkommen sind, weil sich die Nation immer als Einwanderungsland definierte, ganz im Gegensatz zu europäischen Ländern, in denen die Tatsache des Immigrationsbedarfs von vielen nur mit Widerwillen zur Kenntnis genommen wird. Der Patriotismus US-amerikanischer Neubürger wird auch nicht dadurch behindert, dass kulturelle Eigenarten als selbstverständlich toleriert sind.

In der Gewissheit der eigenen kulturellen Höherwertigkeit ist die Notwendigkeit der Ablehnung anderer begründet. Der konservative US-amerikanische Politologe Samuel Huntington hat ein Erklärungsmodell zur Wiederkehr der Religion im öffentlichen Leben vorgelegt, die er in einem „Kampf der Kulturen“ (clash of civilizations) wirkungsmächtig sieht. Die Denkfigur wurde populär. Ihr hält der Religionssoziologe Martin Riesebrodt die Option eines Bekenntnispluralismus entgegen, mit dem Ziel politischer Partizipation ohne Präferenz einer bestimmten Religion. Das schließt Dominanz gesellschaftlicher Gruppen aufgrund „kultureller oder religiöser Tradition, Geschlecht, Ethnizität oder ‚Rasse‘“ ebenso aus wie Ausgrenzung. Fundamentalisten, deren Einfluss weit in die Mitte der Gesellschaft reicht, sind aber auf Ab- und Ausgrenzung bedacht und predigen den Kampf gegen fremde Kulturen unter Berufung auf Religion, Tradition und die Überlegenheit der eigenen Moral.

Die Vorstellung unveränderbarer Disharmonie aufgrund der Eigenschaften von Immigranten aus fremden Kulturkreisen richtet sich derzeit vor allem gegen Muslime, unabhängig davon, ob sie aus Arabien oder der Türkei kommen. Den Muslimen wird unterstellt, „der Islam“ bilde eine Einheit, die über islamistischen Terrorismus definiert wird. Muslime werden als aggressive Bedrohung des Abendlandes wahrgenommen und darüber hinaus als kulturell rückständig, als fanatische Anhänger einer Religion, die als politische Ideologie diffamiert wird, im Widerspruch zu christlicher Tradition und zum europäischen Werteverständnis steht und nicht reformfähig ist. Daraus, so folgern Fremdenfeinde und Kulturrassisten, ergebe sich die Integrationsunwilligkeit der Muslime zum Schaden der Mehrheit. Das ist jedoch ein xenophobisches Konstrukt, das von Vorurteilen und Feindbildern lebt.

Das Verdammen linksliberaler multikultureller Gesellschaftsentwürfe und die Forderung nach Reformen im Islam haben keinen logischen Zusammenhang. Und die Diskussion über beide Komplexe muss mit anderen Argumenten geführt werden als mit vagen Hinweisen auf Ehrenmorde, Zwangsehen und andere Schandtaten, die nicht repräsentativ für „den Islam“ sind. So erscheinen sie aber in der „islamkritischen“ Literatur, die bei der muslimfeindlichen Klientel Anklang findet, weil sie angebliches Beweismaterial für den Generalverdacht gegen „den Islam“ als rückständig, demokratieunfähig und gefährlich liefert.

Die Idee der multikulturellen Gesellschaft ist tatsächlich längst verwirklicht und in der Praxis erfolgreich. Sie muss freilich noch weiter entwickelt und im allgemeinen Bewusstsein als Tatsache verankert werden.

Prof. Wolfgang Benz, 19. 06. 2012


Meinungen der Leserinnen und Leser

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Multikulturelle Gesellschaft in Brasilien

Aufgrund der Erfahrungen meines mehrjährigen Aufenthalts in Brasilien möchte ich Ihr Plädoyer bestätigen, ist doch Brasilien das klassische Einwanderungsland ( mit kolonialem Hintergrund ) vieler Nationalitäten wie Portugiesen, Afrikanern, Deutschen, Niederländern, Italienern, Japanern und auch Österreichern. Städte wie Blumenau ( deutsch ) und Treze Tilias ( Dreizehnlinden, österreichisch ) stellen den Übergang von der Parallelgesellschaft besonders gut dar, der Bundesstaat Bahia ist stellvertretend für die Afrikaner. Die Japaner haben sich innerhalb der Städte viertelweise und in bestimmten Berufsgruppen ( sie sind u.a. die Hauptlieferanten für Gemüse und Fisch, sind aber auch Lehrer, Ärzte etc.)ihren Raum geschaffen.Das Zusammenleben funktioniert klaglos, ist man auch sehr nachsichtig, was den Spracherlernungsprozess von Zuwanderern betrifft.
Um die indigene Bevölkerung ist es allerdings nicht so gut bestellt, wie um die Mitglieder der vereinigung “ sem terra “ ( also der Landlosen. Hier wird in den nächsten Jahrzehnten einiges wiedergutzumachen sein.

Prof.Mag. Brita Pilshofer, BSA, Österreich


Multi-Kulti ist Schnee von vorgestern

Schon vor vielen Jahren hat Elias Canetti festgestellt: „Die Überwindung des Nationalismus liegt nicht im Internationalismus, wie viele bisher geglaubt haben, denn wir sprechen Sprachen. Sie liegt im Plurinationalismus.“

Multi-Kulti bedeutet geradezu die Bildung von Parallelgesellschaften, so war auch der Wunsch der Linken, die mit einer breiten Front von gemeinsamen Wertvorstellungen in der Bevölkerung zu kämpfen hatten und diese unbedingt auflösen wollten. Will eine Gesellschaft mit solchen gemeinsamen Wertvorstellungen überleben, muß daher die multikulturelle Idee eine Totgeburt sein und bleiben.

Die Alternative ist die Assimilierung, die das Akzeptieren dieser Wertvorstellungen und damit die Eingliederung zur Voraussetzung hat. Erfreulicherweise hat dies sehr positive Effekte: So ist etwa die Akzeptanz dessen, was außerhalb des eigenen Kulturkreises stattfindet, wesentlich größer, weil der Assimilierungswille (der sich z.B. durch das Erlernen der Sprache und des örtlichen Dialekts manifestieren kann) Raum schafft für die Neugier dem Unbekannten gegenüber, während im Multikulti-Konzept das parallel eingeführte Neue zwangsweise zur Abgrenzung, zur Schaffung von Distanz, die sich bis zum blinden Haß entwickeln kann, führt.

Bezeichnenderweise sind die Verfechter der multikulturellen Gesellschaft dann recht mundtot, wenn es darum geht, diesen Ansatz nicht nur von der heimischen, sondern auch von der parallelen Kultur einzufordern, wohl vor allem deshalb, weil das dort vielfach vorherrschende Nicht-Interesse dann gar zu offensichtlich und aufgrund der Einseitigkeit des Vorhabens das eigentliche Ziel, die Destabilisierung der vorherrschenden Ordnung und die damit erleichterte Manipulation der Bevölkerung auch für weite Bevölkerungskreise offenbar wird.

Die für eine Gesellschaft mit eingeführten Sitten und Gebräuchen so überlebensnotwendige kulturelle Befruchtung von außen kann also nur dann stattfinden, wenn das Fremde die „Brücke der Vertrautheit baut“. Ein Blick in eine Hausgemeinschaft von einigen hundert Personen (in der ich selbst lebe) zeigt, daß es beim Umgang mit dem „Fremden“ tatsächlich nicht auf Hautfarbe, Religion, Geschlecht etc. ankommt, sondern vielmehr auf die Art und Weise, mit der der einzelne der Hausgemeinschaft und ihrer Ordnung begegnet. Da wird ganz schnell deutlich: Multikulti ist nicht gefragt, da helfen auch die Zahlenbeispiele von Prof. Benz nicht.

So gesehen ist und bleibt der multikulturelle Ansatz der Linken eine Totgeburt – Gott sei Dank, denn wir wollen doch alle mit unseren Nachbarn nicht unter der Knute einer Ideologie, sondern in Frieden und Freiheit leben, so wie das auch unseren Nachbarn zusteht. Die Einheit in Vielfalt ist mir allemal lieber als die Konfrontation, die dann zwangsweise, auf angeblich gesellschaftlichen Druck hin, zum Einheitsbrei der Kulturen führt.

Christoph Ledel, Österreich


Was ist eine Parallelgesellschaft? 

Vielen Dank für diesen klaren Artikel! Aus meiner Arbeit (Durchsetzung von Gleichstellungsrecht, Sensibilisierung für den Wert von Vielfalt, Umgang mit Vorurteilen) würde ich gerne noch ergänzen, dass die „eigene“ Gesellschaft/ethnische Gruppe viel weniger homogen ist als von Multikulti-GegnerInnen oft angenommen. Die Konstruktion einer einheitlichen eigenen Gruppe ist nötig, um sie von der einheitlichen Gruppe der Fremden zu unterscheiden. Wer den Gegensatz zu anderen Gruppen (Muslime, MigrantInnen,…) so hervorhebt, ignoriert meist diese Unterschiede in der eigenen Gruppe. Diese Intoleranz gegenüber allem, was nicht „das Unsere“ ist, trifft somit nicht nur MigrantInnen/religiöse Minderheiten, sondern auch Angehörige der eigenen Gruppe, die sich nicht einem fiktiven Mainstream anpassen. Damit geht es bei dieser Frage um die Menschenrechte ALLER Menschen und nicht nur der „Fremden“. Die entscheidende Frage lautet aus meiner Sicht: Was ist der gesellschaftliche Konsens, der verlangt werden darf? Als Jurist gefällt mir der Verfassungspatriotismus, der ein bekenntnis zu Menschenrechten und Toleranz enthält, gut. Ein solcher Verfassungspatriotismus stellt Anforderungen an die Haltung und das tatsächliche Verhalten von uns allen – und kann damit von allen menschen erfüllt werden. Er muss dagegen nicht auf Merkmale wie Hautfarbe, Herkunft, Religion,… zurückgreifen, die Einzelpersonen nicht besitzen oder nur unter Verletzung ihrer Identität eingehalten werden können.

Volker Frey, Klagsverband, Österreich


Natürlich lassen sich Mehrheitskulturen nicht erfassen, ohne ihre Wurzeln in der Minorität zu ergründen. JEDER ist irgendwann einmal „eingewandert“; seit der Homo Sapiens das heimatliche Afrika verließ und Äonen bevor so etwas Subjektives wie Grenzen oder Nationalitäten erfunden wurden, hat es immer Zu- und Abwanderung gegeben.
Wie kann man dann vom Scheitern eines Prinzips sprechen, welches als Grundcharakteristika der menschlichen Natur erscheint?
Erst die Moderne schuf sich ein künstliches Problem, nicht zuletzt durch das immer noch prägnante Kolonialdenken der christlich-westlichen Kulturspäre. Wir sehen immer noch „den Wilden“, wenn jemand aus einem Land kommt, das nicht oder noch nicht den von uns verlangten Standard erfüllt.
Xenophobie ist wesentlich älter als das Wort selbst. Was man nicht versteht, fürchtet man und was man fürchtet, zerstört man bevor es gefährlich werden kann. Da war schon so als der Westen den kulturell weit fortgeschrittenen Islam nicht verstand und das ist heute so.
Darum kann ich auch nicht Ihre Argumente zu den USA teilen, diese Nation mag als offenes Einwanderungsland begonnen haben, doch inzwischen hat es sich seinen Stereotyp des „wahren Amerikaners“ geschaffen und wehe man weicht davon ab. Aus den Enkeln und Urenkeln der Einwanderer aus allen Ländern, wurden Amerikaner, die Gesellschaft hat ihre Eigenarten aufgenommen und nur denen eine Daseinsberechtigung eingeräumt welche nützlich erschien, heute muss man diesem Modell entsprechen oder man ist nur noch eins, ein Ausländer.
Der 11. September hat dieser Entwicklung sicherlich Vorschub geleistet aber sie war schon vorher da, unter der Oberfläche und doch ganz offen. Amerikaner japanischer Abstammung wurden im zweiten Weltkrieg inhaftiert, weil sie dem Feind ähnlich waren, weil sie aus seinem Land kammen, weil sie nicht weiß waren; auf jeden Fall weil sie keine „echten Amerikaner“ waren.
Die Furcht vor dem was nicht vertraut ist gibt und gab es zu allen Zeiten und an allen Orten, nur ist und darf das nie Argument für Intoleranz sein.“Multikulti“ ist nicht tot, es ist die unausweichliche Zukunft in einer globalisierten und sich rasend durchmischenden Welt. Wer in dieser Welt an Denkmustern der Vergangenheit festhält kann nicht bestehen und behindert nur, was längst hätte geschehen sein können, vieleicht sogar müssen – eine offene Welt, in der Grenzen wenig bedeuten.
Eine multikulturelle Welt ist nicht aufzuhalten, sie ist schon da.
Nun ist es an uns, sie auch zu einer lebenswerten Welt zu machen und nicht zu einem Streitfall in der jeder dem Nachbar mistraut weil er anders ist. Multikulti ist nicht tot, es könnte kaum lebendiger (oder nötiger) sein und wer das Gegenteil behauptet, macht sich etwas vor.

Arno Nym, Deutschland

Wolfgang Benz