Die Begriffe multikulturelle Gesellschaft und Multikulturalismus werden häufig synonym verwendet, auch im wissenschaftlichen Diskurs. Während der erste Begriff die Tatsache beschreibt, dass die Gesellschaft sich aus Menschen verschiedenster (Herkunfts-)Kulturen zusammensetzt, ist letzterer eine Wortneuschöpfung, die eine – wenn auch sehr vage – Utopie des gesellschaftlichen Zusammenlebens in multikulturellen Gesellschaften umschreibt, die durchaus ideologische Züge annimmt.

Der Begriff wurde in den 1960er Jahren in Kanada von Charles W. Hobart und Paul Yuzyk eingeführt. Von der berechtigten Forderung ausgehend, im Geschichtsunterricht neben der europäischen auch die Geschichte der Herkunftsländer anderer Einwanderergruppen zu berücksichtigen, entwickelten sie ein Konzept des Zusammenlebens, das sowohl in Kanada als auch in Großbritannien die Basis staatlicher Integrationspolitik werden sollte. Vor allem in Großbritannien führte die darauf aufbauende Politik des Multikulturalismus zu gravierenden Problemen, die der vielleicht größten Schwäche dieses Konzepts geschuldet waren: Es bezieht sich, wie der Name schon sagt, auf Kulturen, also auf eine kollektive Größe und nicht auf den einzelnen Menschen.
Multikulturalismus basiert auf der Wunschvorstellung von einem Miteinander verschiedener, als gleichwertig und schützenswert betrachteter Kulturen, die PullQuotesich gegenseitig respektieren und achten. Daraus wurde abgeleitet, dass die jeweiligen Kulturen Anspruch auf Anerkennung und, falls gewünscht, auf Sonderrechte haben, wenn diese zur Entfaltung kultureller Besonderheiten eingefordert werden. Der Multikulturalismus ist in seiner Tendenz kulturalistisch und kulturrelativistisch. Kulturelle Vielfalt und das Recht auf kulturelle Differenz werden zum Dogma. Dieser Denkweise liegt die Vorstellung von Kultur als grundsätzlich positiver Größe, als Wert an sich zu Grunde. Der Kulturwissenschaftler Siegfried Kohlhammer spricht von Kulturabsolutismus: Kulturen werden in ihrem Geltungsanspruch verabsolutiert und dadurch voneinander isoliert. Diese Sicht auf Kultur lässt, nebenbei gesagt, auch die Tatsache unberücksichtigt, dass Kulturen sich im Wandel befinden, sich stetig verändern und sich gegenseitig beeinflussen.

Dadurch, dass das „Recht auf kulturelle Differenz“ sich naturgemäß auf kulturelle Kollektive und nicht auf Individuen bezieht, ist die multikulturalistische Position antiindividualistisch und nimmt in Kauf, dass Rechte, die Kollektiven zugesprochen werden, zu Lasten der Rechte Einzelner gehen. Wenn etwa streng muslimische Eltern ihre Töchter vom Schwimm-, Sport- oder Sexualkundeunterricht abmelden und ihnen die Teilnahme an Klassenfahrten verbieten dürfen, werden diese Mädchen zwangsläufig in ihrem Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit behindert und ihnen geringere Chancen auf Entwicklung eingeräumt als ihren nichtmuslimischen Altersgenossinnen. Das proklamierte Recht auf Differenz führt allzu leicht zur Differenz der Rechte – ein Paradoxon des Multikulturalismus (Pascal Bruckner). Die Forderung nach unterschiedlichen Rechten erweist sich, entgegen ihrer ursprünglichen Intention, als in der Tendenz rassistisch, denn sie bemisst Recht und Wert eines Menschen nach seiner Herkunft und sperrt ihn in seinem „angeborenen“ Kollektiv ein.
Die Politik des Multikulturalismus basiert auf der Annahme, es seien Gruppen – ethnische, kulturelle und religiöse –, die in die Gesellschaft integriert würden. Die Konstruktion kultureller Kollektive hat jedoch zur Folge, dass Grenzen zwischen einem Wir und den Anderen errichtet werden. Sie stellt die Unterschiede in den Vordergrund, anstatt der Gemeinsamkeiten und läuft – ohne es zu beabsichtigen – Gefahr, die Gesellschaft in kulturell homogene Teile zu zerlegen. In Großbritannien etwa führte ein staatlich verordneter Multikulturalimus in die gesellschaftliche Segregation und schuf in einigen Städten, wie etwa Bradford, an Apartheid erinnernde ethnisch homogene Stadtteile. Darüber hinaus verhalf sie gerade den konservativsten islamischen Organisationen zu Macht und Einfluss, welche auf einer harten Identitätspolitik und der Abgrenzung zur restlichen Gesellschaft bestanden.

Gegen Kulturalisierung und die damit einhergehend zunehmende Religiösisierung ihrer Identität verwehren sich all jene, die sich in erster Linie als Bürgerinnen und Bürger begreifen und weder von religiöser Seite, noch von Gesellschaft oder Politik ausschließlich als Muslime identifiziert und angesprochen werden möchten. Als in der kanadischen Provinz Ontario, neben bereits bestehenden christlichen und jüdischen, auch muslimische Schiedsgerichte für Familienrechtsangelegenheiten eingeführt werden sollten, waren es in erster Linie Muslime selbst und hier vor allem Frauen, die gegen dieses Vorhaben protestierten. Sie stellten die Selbstverständlichkeit in Frage, mit der angenommen wurde, schariakonforme Familiengerichte seien im Interesse aller Muslime. Wie wolle der Staat diejenigen der muslimischen Community schützen, die gegen ihren Willen durch familiären und sozialen Druck gezwungen würden, ihre Angelegenheiten diesen Gerichten zu übertragen? Nach einer längeren öffentlichen Debatte wurde die Institution der religiösen Schiedsgerichte generell abgeschafft.

Vertreter des Multikulturalimus tendieren erfahrungsgemäß dazu, die Augen vor autoritären Strukturen, Gewalt und Missständen in anderen Kulturen zu verschließen oder diese zu relativieren. Sie verbieten sich die Bewertung der Anderen, die eben dadurch im Status der Anderen verbleiben. Die Folgen dieses Tabus zeigten sich auf internationaler Ebene bereits in den afghanischen Flüchtlingslagern im Pakistan der 1980er Jahre, wo westliche Hilfsorganisationen unter dem Dogma des „Nicht-Interventionismus“ hinnahmen, dass die Männer unter den Flüchtlingen die Lebensmittelverteilung zu Ungunsten der Frauen und Mädchen im Lager durchführten und deren Bildung und medizinische Versorgung sabotierten. Das Prinzip des Nicht-Interventionismus in fremde Kulturen (dem auch die Idee der religiösen Schiedsgerichte entspringt) entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als Intervention zu Gunsten der Mächtigen der anderen Kultur. Hier hat allerdings mittlerweile ein Umdenken stattgefunden.

Integration bedeutet die Teilhabe möglichst vieler – idealerweise aller – Menschen an der Gesellschaft. Es sind die universalen Menschenrechte, die den Anspruch des Einzelnen auf Inklusion und Nicht-Diskriminierung konstatieren und schützen. Das Menschsein an sich und nicht die kulturelle oder ethnische Identität eines Menschen ist Grundlage der Anerkennung. Die Menschenrechte gelten für jede und jeden Einzelnen und garantieren den gleichen Anspruch auf Würde, Respekt und die gleiche Chance auf Selbstverwirklichung; darin besteht ihr normativer Universalismus. Ein auf ihnen basierender Pluralismus und nicht eine kulturalistische Doktrin ermöglicht und sichert eine multikulturelle Gesellschaft, indem er dem Einzelnen durch Anerkennung verbindlicher Werte die Verwirklichung der unterschiedlichsten Interessen und Lebensstile sowie die größtmöglichen Freiheiten garantiert – darunter auch jene, in Gemeinschaft mit anderen kulturelle und religiöse Traditionen zu pflegen. Der Einzelne wird gleichzeitig aber auch in seinem Recht auf Veränderung geschützt. Eine pluralistische Gesellschaft trägt auch all jenen Rechnung, die sich nicht auf eine Herkunftskultur festlegen lassen wollen. Eine staatliche „Überlebensgarantie“ für Kulturen ist im Rahmen der Menschenrechte ohnehin nicht möglich. Sie würde, so Jürgen Habermas, „den Angehörigen genau die Freiheit des Ja- und Nein-Sagens rauben, die heute für die Inbesitznahme und Bewahrung eines kulturellen Erbes nötig ist.“ Im Gegensatz zum Konzept Multikulturalismus erfasst Pluralismus sämtliche kulturellen Identitäten und Lebensentwürfe, auch solche subkultureller Natur.

Heiko Heinisch und Nina Scholz, 05. 10. 2012


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was landläufig als haarspalterei eingeschätzt werden könnte, entpuppt sich als wesentlicher unterschied mit weitreichenden folgen. das wird in diesem beitrag sehr schön herausgearbeitet!

eva pesendorfer, österreich

Nina Scholz