Prof. Anton Pelinka über Erfahrungen mit den Erziehungssystemen in Ost und West

Der Beitrag von Andreas Beelmann ist in doppelter Weise wichtig:

– Er gibt Anlass zu Optimismus. Die Einstellungen von Menschen sind beeinflussbar, auch und gerade in Richtung auf mehr Toleranz. „Tolerante Einstellungen sind erlernbar…“

– Beelmann warnt aber auch vor vorschnellem Optimismus: „… aber … auch schwer zu beeinflussen.“

Diese doppelte Botschaft macht deutlich, dass es sich auszahlt, den Sozialisationsprozess auf der Grundlage bestimmter Werte zu gestalten und zu beeinflussen. Es ist nicht einerlei, was in Familien und Schulen, was in den „peer-groups“ und in den Netzwerken der sozialen Medien vermittelt wird. Aber Realismus ist angesagt: Die Verkündung von positiven Botschaften (im Sinne eines „Seid nett zueinander, speziell aber zu den Ausgegrenzten und den Benachteiligten in der Gesellschaft“) allein reicht nicht, ja, eine solche naive Pädagogik des erhobenen Zeigefingers kann nachgerade kontraproduktiv sein.

Erziehungsdiktat für den „Neuen Menschen“…

Ein Beispiel für das Fehlschlagen gut gemeinter, zentral gesteuerter Pädagogik liefern die Erfahrungen aus mehr als sieben Jahrzehnten sowjetischer Erziehung.  Diese sollte den „Neuen Menschen“ hervorbringen – erhaben über Fremdenhass und andere, negativen Vorurteile. Doch kaum war die Sowjetunion zerfallen, wurde nicht ein neuer, sondern der alte Mensch sichtbar – verstrickt in Pull Quote Pelinkanationalistische Feindseligkeit und ethnische Stereotypien.
Als die Sowjetunion kurz nach ihrem 74. Geburtag einen weitgehend friedlichen Tod starb, sollten – fast – alle Bürgerinnen und Bürger der UdSSR durch deren Erziehungssystem geprägt sein. Doch dieses war ein einziger Fehlschlag. Die Ursachen für dieses Scheitern: Das zumindest in den Anfängen des sowjetischen Erziehungssystems geradezu feindselige Negieren der primären Sozialisation, also der Familie; die – rückblickend – naive Vorstellung, dass die Verkündung hehrer Erziehungsziele in Schule und Öffentlichkeit rasch die gewünschten Folgen zeigen würden; und die Unterschätzung menschlicher und gesellschaftlicher Resistenz gegenüber einer zentralistisch oktroyierten Erziehung.

… versus demokratische „Re-education„

Die Erziehungsmuster, die in Westeuropa nach 1945 unter demokratischen Vorzeichen etabliert wurden, waren vergleichsweise vorsichtiger, bescheidener, und eben deshalb offenkundig erfolgreicher. Die (west)deutsche „re-education“ wollte – um die gesellschaftlichen Wurzeln des Nationalsozialismus – zu beseitigen , unter maßgeblichem Einfluss der Westalliierten zunächst die Erzieher der Zukunft erreichen: Die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer, die in Pädagogischen Hochschulen und Universitäten unter den neuen Vorzeichen ausgebildet wurden, die sich an Aufklärung und Menschenrechten, an Demokratie und Toleranz orientierten. Damit wurden, im Sinne einer freilich zeitraubenden Umwegrentabilität, nicht nur die Pädagoginnen und Pädagogen, sondern auch die Eltern von morgen erreicht.
Die Folge: Die traditionellen Feindbilder, Fremdenhass und Antisemitismus, aggressive Intoleranz und Nationalismus haben in Deutschland nicht zu bestehen aufgehört, sie bestimmen aber heute eindeutig weniger signifikant Bewusstsein und Verhalten als dies noch vor zwei Generationen der Fall war. Das in westlichen Demokratien vorherrschende Erziehungssystem ist jedenfalls eindeutig besser geeignet, auf lange Sicht Toleranz in einer Gesellschaft zu implementieren als ein sich noch so fortschrittlich gebendes, aber autoritär oder totalitär agierendes System.

Spielraum für Unkontrollierbares

Zu diesem Vorzug des in eine Demokratie eingebetteten Systems zählt insbesondere, dass es in mehrfacher Hinsicht pluralistisch ist, ja pluralistisch sein muss: Es gibt den nicht direkt politisch gesteuerten Sozialisationsfaktoren – vor allem Familie, „peer groups“, Medien – Spielräume, die eine zentrale Indoktrinierung unmöglich machen. Und: Jeder Versuch, das gesamte Erziehungssystem an einem einzigen, zentral definierten Ziel zu orientieren – sei es Klassenkampf, sei es Antiimperialismus, sei es auch Internationale Solidarität – muss fehlschlagen, da in einer liberalen Demokratie die nicht direkt steuerbaren Faktoren sofort widerständig dem Erziehungsdiktat entgegenarbeiten würden.
Wie immer, wenn es um die Demokratie im Vergleich geht: Sie agiert oft schwerfällig, oft ist sie ganz einfach entscheidungsschwach.  Aber sie erweist sich – langfristig – allen Alternativen überlegen: auch und gerade dann, wenn es um die Erziehung zu Toleranz geht.

Prof. Anton Pelinka, 03. 12. 2012


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Vorurteilsforschung
Ich habe mit dem Konzept „Lubo aus dem All“ in der Grundschule als externe Trainerin begonnen. Immerhin ein erster Schritt seitens der Schule. Deutlich wird mir dabei, das die Schule meine Dienstleistung für diese Zeit einkauft, aber noch lange keine Haltung dazu entwickelt hat. Um aber z.B. Perspektivenübernahme zu lernen, braucht es die vielen kleinen Gelegenheiten im schulischen (natürlich auch sonstigem) Alltag, die als Anlässe genutzt werden müssen. Da höre ich leider immer noch, „wir haben keine Zeit, sonst kommen wir mit dem Stoff nicht weiter“. Lehrerfortbildungen zu diesen Themen müssen m.E. verpflichtend werden!

Uta Petring-Dörr, Dipl.Pädagogin, Kommunikationstrainerin, Team!works Kempen, Deutschland

Anton Pelinka