Wolfgang Benz über Migration und Integration in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Resümee zum Thema Feindbild Multikulti

Man muss die existierende und funktionierende multikulturelle Gesellschaft nicht klein reden oder als gescheiterte Utopie abtun. Tatsache ist: Die Einwanderungsgesellschaften Mitteleuropas haben einen wertvollen Anteil an Bürgern, die anderen Kulturen entstammen, aber weitgehend bis vollkommen integriert sind. Und die notwendige Sprachkompetenz haben sie spätestens in der zweiten Generation.

Emotionen wie die Erinnerung an die Herkunft und Pflege eigener kultureller Traditionen stehen dem nicht entgegen. Das war nicht anders beim Zustrom der Vertriebenen, die nach 1945 in Österreich und Deutschland eingewandert sind, gegen ihren Willen und meist gegen den Willen der Eingesessenen, die sie als Fremde, als Migranten aus den seltsamen kulturellen Welten der Donauschwaben, Sudetendeutschen, Banater usw. empfanden, sie ablehnten und missachteten.

Rücksichtnahme, nicht Sonderrechte

Die Religionsfreiheit unserer demokratischen Verfassungen gewährt ausdrücklich Freiräume für alle, die genutzt werden. Sonderrechte werden damit nicht beansprucht und sie können vom Rechtsstaat auch nicht eingeräumt werden, auch wenn Fremdenfeinde behaupten, Sonderrechte würden erstrebt und konzediert. Die Rechtsgleichheit gilt für alle Lebensbereiche, auch für die Schule, der sich niemand unter Berufung auf die Herkunft entziehen kann, generell oder durch Verweigerung einzelner Wissensdisziplinen wie Geschichte oder körperliche Fertigkeiten, die der Sportunterricht vermittelt.

Die Geschichte Österreichs unter dem Nationalsozialismus und der Holocaust ist auch für Schüler mit Wurzeln im Libanon oder im Iran verbindlich, deren Väter den Holocaust leugnen oder nichts von ihm hören wollen. Und vom Schwimmunterricht kann man sich nicht deshalb dispensieren lassen, weil Religionsvorschriften Prüderie verordnen. Die Mehrheit leidet aber auch keinen Schaden, wenn sie Einwanderern entgegenkommt, wo dies ohne Schwierigkeit möglich ist.

Sonderrechte für Minderheiten werden durch Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten nicht konstituiert. Die Beschneidung, Gebot für Muslime und Juden, wird auch in der Mehrheitsgesellschaft ohne religiöse Begründung geübt, dass hygienische Standards verbindlich zu regeln sind, muss überall von allen Beteiligten akzeptiert werden.

Abschied von kollektiven Fremdbildern

Die multikulturelle Gesellschaft setzt sich aus Individuen zusammen, nicht aus Kollektiven und das Individuum ist nicht nur Muslim oder Serbe, Alevit oder Türke per definitionem, sondern es besteht aus vielen Loyalitäten, Verpflichtungen und Bindungen an Familie, Kultur, Religion, Arbeitswelt, soziale Beziehungen usw. Wer mithilfe stereotyper Bilder Menschen ausschließlich aufgrund ihrer Herkunftsnationalität, Religion, Bildung, Erwerbssituation etc. wahrnimmt, wird die multikulturelle Gesellschaft eher ablehnen als jemand, der Menschen als autonome und durch vielfältige Faktoren bestimmte Individuen anerkennt. Der Abschied von den kollektiven Fremdbildern, mit denen Menschen kategorisiert werden, ist der erste Schritt zu einer Gesellschaft, die Menschenrechte achtet, das Individuum um seiner selbst willen wahrnimmt und kultureller Vielfalt verpflichtet ist. Ob man das Pluralismus nennt oder multikulturelle Gesellschaft, ist dann nachrangig.

Prof. Wolfgang Benz, 20. 12. 2012

Wolfgang Benz