In der Verbindung von Religion und Gewalt ist kein Automatismus am Werk. Die Rechtfertigung von Gewalt ergibt sich vielmehr jeweils aus konkreten historischen Umständen und deren Wahrnehmung. Religion kann zwar als Brandbeschleuniger wirken, sie ist aber nie allein die Ursache (Kippenberg 2008).

Deshalb sollte eine Analyse der Gewalt in überwiegend muslimischen Gesellschaften mit der Untersuchung der realen Quellen der Gewalt und nicht mit der Deutung der Heiligen Texte des Islam beginnen. Aus der Tatsache, dass sich Gewalt von Muslimen empirisch vor allem innerhalb der eigenen Gesellschaften ereignet und meist gegen andere Muslime gerichtet ist, lässt sich schließen, dass diese Gewalt nicht primär in einem „anti-christlichen“ oder „anti-westlichen“ Kontext erfolgt, sondern in einem inner-muslimischen.

Bei den meisten Konflikten, die gegenwärtig im Nahen und Mittleren Osten unter religiöser Semantik ausgetragen werden, handelt es sich in erster Linie um Bürgerkriege und nicht um Religionskriege. Im Syrien ging es zunächst um den Kampf gegen eine Diktatur. Die Lage eskalierte und der Konflikt wurde immer mehr in Kategorien des Bürgerkriegs beschrieben bis er zum Stellvertreterkonflikt großer regionaler Gruppen wurde. Auf einmal war es in der öffentlichen Wahrnehmung dann nur noch der Kampf der Sunniten gegen die Schiiten. Auch im Irak hat die Entstehung des IS eine Vorgeschichte, die kaum etwas mit dem Koran oder religiösen Botschaften zu tun hat. Die Gründung des IS ging nicht auf islamische Theologen, sondern auf weltliche Generäle und Geheimdienstler der irakischen Baat-Partei zurück, nicht ohne die Hilfe der US-Armee. Religion kann oft ein Faktor von Eskalation sein. Doch Religion ist nie allein die Ursache.

Das Problem der Gewalt in muslimischen Ländern entspringt zuerst den politischen Realitäten vor Ort. Zwar bedienen sich viele Akteure der religiösen Sprache oder sind selbst religiös inspiriert. Dieser Zusammenhang darf aber nicht überbewertet werden. Ökonomische und soziale Krisen, hohe Arbeitslosigkeit, ein tiefer Graben zwischen arm und reich, Stagnation, Korruption und Bürgerkriege bilden einen wichtigen „Rohstoff“ für die Entwicklung gewaltsamer Auseinandersetzungen. Seit 2011 erlebt die arabische Welt einen beispiellosen Wandel durch soziale und politische Proteste, die zum Teil in Regierungsumstürzen mündeten. Ob der „arabische Frühling“ sein Ziel erreicht hat, ist eine andere Frage. Groß ist die Enttäuschung derjenigen, die mehr Rechte, Freiheit und Prosperität fordern. Islamistische Gruppierungen nutzen zugleich die Gelegenheit der Stunde und versuchen, die Macht zu ergreifen. Und es gibt immer wieder Gewalt. Nach innen, zu den „eigenen Leuten“.

Nicht ganz zu vernachlässigen sind die externen Faktoren: militärische Intervention, Besatzung, der Palästinakonflikt – sie alle nehmen bei der Frage politischer Gewalt durch Muslime eine Schlüsselstellung ein. Sie wirken nicht nur als Brandbeschleuniger, sondern sie sind ein Teil des Problems.

Religiöse Gewalt ist ein komplexes Phänomen. Bei der Analyse der politischen Relevanz des Islam kommt es gerade darauf an, ihn nicht auf seinen theologischen Charakter zu reduzieren, sondern ihn im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen zu deuten. Nicht das Studium der Glaubensquellen hilft beim Verständnis religiös-politischer Bewegungen weiter, sondern die Kenntnis kontextueller Rahmenbedingungen wie die politische Entwicklung, die historische Einordnung, die gesellschaftlichen Einflüsse und die beteiligten Akteure.

Prof. Dr. Jordanka Telbizova-Sack