Die möglichen Gründe für die Radikalisierung vor allem junger Menschen sind ebenso zahlreich wie divers: So können etwa familiäre Konflikte, patriarchale Strukturen, Gewalterfahrung, Perspektivlosigkeit und soziale Isolation (mit-) verantwortlich für eine zunehmende Gewaltbereitschaft in Teilen der Gesellschaft sein. Gleichzeitig spielen neben dem „Fun-Faktor“ durch eine zunehmende Verherrlichung der Gewalt auch Faktoren wie jungen Menschen zumeist innewohnende Neugier und Sinnsuche nicht selten eine wesentliche Rolle in der Beantwortung der Frage, was genau die Teilnahme am „heiligen Krieg“ für die Protagonisten so attraktiv macht. Die besondere Anfälligkeit im Zuge der pubertären Emanzipation in Verbindung mit auch in technologischer Hinsicht ausgefeilten Anwerbungsmethoden durch zweckgebundene Nutzung von Videospielen, sozialen Medien und ähnlichen Instrumenten verstärken den beschriebenen Effekt.

Der Islamwissenschaftler und Dschihadismus-Experte Christoph Prochazka analysiert in diesem Zusammenhang, der Islam werde in der heutigen Zeit „vermehrt als Instrument zur Erlangung von politischer Legitimität und zum Ausgleich heterogener Strömungen innerhalb der Bevölkerungen muslimischer Länder verwendet“ und leitet daraus die Zukunftsperspektive einer noch langanhaltenden Existenz kontemporärer Phänomene wie etwa des Salafismus als Jugendkultur und Anti-Globalisierungs-Bewegung ab.

Wie aber können Prävention und Deradikalisierung im Praxisalltag funktionieren? Der im Rahmen der Veranstaltung vorgestellte Fußballverein „FC Tschetschenien“, der vom in der Flüchtlingsbetreuung ASPIS tätigen Psychologen Siegfried Stupnig ins Leben gerufen wurde, stellt durch die große ethnische Vielfalt unter seinen kickenden Mitgliedern ein außerordentlich erfolgreiches Integrationsbeispiel dar. Auf diese Weise wird die Förderung der sozialen Inklusion und Teilhabe vieler verschiedener Volksgruppen möglich, Wertediskussionen und kultureller Austausch bereichern das Zusammensein aller Beteiligten. In diesem Projekt manifestiert sich einmal mehr der große Stellenwert des Sports in der Förderung interethnischen, -kulturellen wie -religiösen Verständnisses und Zusammenlebens.  

Mit Tschetschenen als gebrandmarkte Gruppe beschäftigt sich schließlich die selbst aus Tschetschenien stammende Journalistin und Autorin Maynat Kurbanova. Die zu Beginn genannten, die Radikalisierung oftmals fördernden Faktoren spielen auch in diesem Kontext eine wichtige Rolle: So stellt Kurbanova fest, dass in vielen Familien allgegenwärtige Kriegserfahrungen gerade junge Tschetschenen für eigene Gewalthandlungen in hohem Maße anfällig zu machen scheinen. Nicht selten seien die Betroffenen mit Wut, Ärger, Hilflosigkeit und Überforderung konfrontiert. Umso wichtiger ist es, jenes Gewaltpotential frühzeitig zu erkennen und im Rahmen von Anti-Radikalisierungsprogrammen jenen Personen Hilfestellungen anzubieten, die in die Spirale der Gewalt abzurutschen drohen.   

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