Prof. Jordanka Telbizova-Sack baut ihre Ustinov Vorlesung an der Universität Wien, die sie am 14. März begonnen hat, auf der Ambivalenz von Religionen auf. Ja, das ist auch meine Erfahrung, dass Religionen Frieden stiften können aber auch Gewalt verbreiten und rechtfertigen können. Heute betrachtet man vor allem den Islam wenn man von einer religiösen Gewaltbereitschaft spricht. Aber wenn man die Kreuzzüge und die inner-europäischen Religionskriege in die Betrachtung mit einbezieht, dann kommen die christlichen Religionen auch nicht gut weg. Und gerade in letzter Zeit bereiten auch religiöse Radikale und zur Gewalt breite Juden in Israel der israelischen Gesellschaft große Sorgen.

Es wäre sehr primitiv und falsch würde man die im Namen der Religion ausgeübte Gewalt immer gleich der jeweiligen Religion in die Schuhe schieben. Aber andererseits können sich Religionen oder deren führende Vertreter nicht völlig frei von Verantwortung machen. Sie müssten sich überlegen inwieweit bestimmte - vielleicht historisch bedingte und verständliche - Interpretationen nicht doch zu einer Radikalisierung und Gewaltbereitschaft  beitragen.

Dabei sollten wir uns davor hüten von "dem" Islam, "dem" Christentum etc. zu reden. Gerade auch im Islam gibt es sehr unterschiedliche Ausrichtungen. So ist gerade der Krieg in Syrien auch ein Stellvertreterkrieg  zwischen dem sunnitischen Saudi- Arabien einerseits und dem schiitischen Iran anderseits.  Und dann gibt es noch verschiedene radikale und fundamentalistische Gruppen. Aber immer geht es bei diesen Auseinandersetzungen auch oder vielleicht sogar vornehmlich um Gewalt. Man sollte also auch hinter die Kulissen religiöser Auseinandersetzungen und Kriege schauen. Da schauen allzu oft die bloße Gewalt und unterschiedliche Machtansprüche als die wesentlichen Gestaltungsmerkmale hervor.

Hannes Swoboda