Psychologe Prof. Andreas Beelmann zur Entwicklung von Vorurteilen und Möglichkeiten der Toleranzförderung aus psychologischer Sicht Vorurteile gegenüber „Ausländern“, Intoleranz und Diskriminierung gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen sind historisch eng mit der Menschheitsgeschichte verbunden. Zu allen Zeiten und in allen politischen Systemen sind diese Phänomene zu beobachten, so dass die Vermutung nahe liegt, dass es sich um ein sehr allgemeines, um nicht zu sagen „menschliches“ Phänomen von großer Tragweite handelt. Allzu häufig wird die Diskussion um Diskriminierung und Toleranz jedoch unter rein politischen Gesichtspunkten geführt (z.B. politische Maßnahmen gegen rechte Parteien), während eine fundierte psychologische Auseinandersetzung ausbleibt. Tatsächlich liegen jahrzehntelange Forschungen vor, die ganz wesentlich zu unserem Verständnis und damit auch zu Möglichkeiten der Prävention beitragen könnten. Mit dem Begriff Vorurteil wird in der Sozialpsychologie in der Regel eine negative Einstellung gegenüber Mitgliedern anderer sozialer Gruppen bezeichnet, die allein aufgrund einer sozialen Gruppenmitgliedschaft zustande kommt und nicht auf Basis persönlicher Erfahrungen. Als Merkmale, die eine Gruppenzuordnung begründen, kommen vielfältige Eigenschaften in Frage, z.B. biologische (Männer/Frauen), ethnische (türkische/deutsche Personen) oder auch sozial konstruierte soziale Kategorien (Fans von Bayern München/Borussia Dortmund).

Vorurteile sind Teil der psychosozialen Entwicklung

Um zu verstehen, wie es zu einer ablehnenden oder diskriminierenden Haltung in Bezug auf diese Gruppen kommt, sind zwei Befunde der Vorurteilsforschung von zentraler Bedeutung: Erstens: Wir kategorisieren Menschen in soziale Gruppen. Dies ist zunächst nicht negativ zu bewerten, sondern im Gegenteil Anzeichen einer guten intellektuellen und sozialen Entwicklung. Wir müssen Pull Quoteunsere soziale Umwelt strukturieren, um mit der Vielfalt an sozialen Informationen zu Recht zu kommen und um in sozialen Interaktionen auf Erfahrungswerte zurückgreifen zu können. Zweitens: Für unsere Identitätsentwicklung ist es wichtig, sich bestimmten sozialen Kategorien zuzuordnen, sich z.B. als Mann oder Frau, als Jugendlicher oder Rentner, als Deutscher oder Türke, als Fan einer Fußballmannschaft, als Mitglied eines bestimmten Freundeskreises, als Bewohner einer Stadt usw. zu definieren. Soziale Kategorien, denen wir uns selbst zuordnen und mit unserer Identität verbinden, werden nun automatisch höher bewertet als soziale Gruppen, denen wir nicht angehören. Derartige Bewertungstendenzen bestehen bei allen Menschen, so dass Vorurteile immer nur eine Frage des Ausmaßes von Einschätzungen der sogenannten Eigengruppe und der sozialen Fremdgruppe sind. Gewisse Unterschiede akzeptieren wir, ohne weiter darüber nachzudenken, wenn man etwa als Fan von Bayern München andere Vereine und deren Fans nicht sympathisch findet. Andere Bewertungsunterschiede überschreiten soziale Normen, wenn man etwa Muslimen grundsätzlich eine gewaltbereite Haltung zuschreibt.

Wie entstehen negative Bewertungsmuster?

Von Bewertungsunterschieden zwischen der eigenen und der fremden sozialen Gruppe sind also wir alle betroffen, weil wir sozial kategorisieren, uns selbst diesen Kategorien zuordnen, diese Kategorien bewerten und unsere Identität danach ausrichten. Die Frage ist nun, welche Faktoren dazu beitragen, dass die Bewertungsunterschiede einmal geringer und einmal höher ausfallen? Oder anders gefragt: Welche Faktoren tragen dazu bei, dass wir uns einmal sozial verträglich entwickeln oder aber Bewertungsmuster aufweisen, die von großer Feindseligkeit gegenüber Andersartigkeit geprägt sind? Neuere Forschungen zeigen, dass die genannten Bewertungsunterschiede (Vorurteile) zwischen der eigenen und der fremden sozialen Gruppe schon sehr früh in der Entwicklung auftreten. Bereits mit vier Jahren sind Kinder in der Lage, soziale Kategorien zu differenzieren und ihre eigene soziale Gruppe zu bevorzugen. Entwicklungsstudien zeigen, dass bis zu einem Alter von sieben bis acht Jahren diese Bewertungsunterschiede steigen, um dann bis zum 10. Lebensjahr wieder abzufallen. Verantwortlich für diesen Abfall ist vor allem die kognitive Entwicklung der Kinder, die es ihnen erlaubt, besser zu differenzieren und z.B. auch Mitglieder der eigenen Gruppe auf Basis einer individuellen Beurteilung zu bewerten bzw. Kinder und Menschen mehrdimensional in soziale Gruppen einzuordnen, so dass sie auch in der Eigengruppe auftauchen und somit zur Selbstdefinition der Person gehören (z.B. ein Schulkamerad aus türkischer Familie ist einmal in der Gruppe der türkischen Kinder zugleich aber auch Mitglied meiner Klasse). Mit diesem Entwicklungsverlauf sind bereits Faktoren, die das Ausmaß von Vorurteilen beeinflussen, angesprochen. Neben individuellen Faktoren wie einer guten kognitiven und sozialen Entwicklung, die sich z.B. in der Fähigkeit äußert, Menschen nach unterschiedlichen Dimensionen sozial zu kategorisieren oder sich in Mitglieder fremder sozialer Gruppen hineinversetzen zu können (Perspektivenübernahme), sind es auch soziale und gesellschaftliche Einflussfaktoren wie die Einstellungen der unmittelbaren Bezugspersonen (Eltern), bestimme Möglichkeiten des Kontakts zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen (z.B. zu Kindern unterschiedlicher Ethnien) oder auch bestehende reale gesellschaftliche Konflikte (z.B. im nahen Osten). Die Gesamtsumme an Faktoren entscheidet nun, wie stark ausgeprägt negative soziale Bewertungsmuster vorliegen oder sich entwickeln.

Wie können wir Toleranz fördern?

Welche Lehren kann man aus diesen Ergebnissen für die Förderung von Toleranz ziehen? Die Vielzahl der Faktoren zeigt: Tolerante Einstellungen sind erlernbar, aber unter bestimmten Bedingungen (z.B. gesellschaftlichen Konflikten) auch schwer zu beeinflussen. Drei Elemente in der Toleranzförderung haben sich als besonders günstig erwiesen. Die Förderung von Perspektivenübernahme, die Fähigkeit, sich mehreren sozialen Gruppen zugehörig zu fühlen und der Kontakt zu Mitgliedern fremder Gruppen. Sich in andere hinein zu versetzen (Perspektivenübernahme), kann als eine wichtige Eigenschaft angesehen werden, differenzierte Urteile über einzelne Personen zu fällen, ungerechtfertigte Ansichten zu relativieren und die Folgen einer ablehnenden Haltung zu antizipieren. Die Förderung von Perspektivenübernahme ist somit ein geeignetes Mittel, extremen Urteilsverzerrungen vorzubeugen. Für die Identitätsentwicklung ist ferner günstig, sich unterschiedlichen sozialen Gruppen zugehörig zu fühlen. Insofern ist eine Erziehung, die auf Vielfalt statt auf starre Identifikation mit einer Gruppe ausgerichtet ist (z.B. sich nur über seine Nationalität zu definieren), immer toleranzförderlich. Besonders lohnend ist der Kontakt zu Mitgliedern anderer sozialer Gruppen. Dabei kommt es allerdings auf verschiedene Bedingungen an, ansonsten kann die Begegnung auch kontraproduktiv wirken. So sollte der Kontakt auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet sein (z.B. Kinder unterschiedlicher Ethnien spielen zusammen im Team und nicht gegeneinander), die Gruppen sollten den gleichen sozialen Status in der Kontaktsituation aufweisen (keine Bevorzugung oder Geringschätzung einer Gruppe) und der Kontakt sollte von Autoritäten (Lehrern, Erziehern) begleitet werden, die diese Bedingungen sicher stellen. Gegenläufige Effekte hat Kontakt, wenn er wettbewerbsorientiert stattfindet oder von massiven Konflikten begleitet wird. Kontakt muss nicht unbedingt persönlich sein, auch wenn er dann besonders gut für die Toleranzentwicklung ist. Wann immer es also möglich ist, in Kontakt mit Menschen anderer sozialer Gruppen zu treten (z.B. auch im Urlaub), sollte man diese Gelegenheiten nutzen, um positive Erlebnisse zwischen sozialen Gruppen zu initiieren und ggf. sogar Freundschaften über soziale Gruppengrenzen hinweg zu etablieren. Wer Freunde in fremden sozialen Gruppen hat, wird diese Gruppen mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit abwerten oder gar diskriminieren.

Prof. Andreas Beelmann, 19. 11. 2012


Meinungen der Leserinnen und Leser

Die Kommentare der Leserinnen und Leser geben nicht die Meinung des Instituts oder der Experten wieder.


Das Anderssein aus eigener Erfahrung

Von Mitte der 90er Jahre bis 2000 hatte ich das Glück, mit meiner Tochter in Brasilien zu leben und zu arbeiten. Die Einreise gestaltete sich sehr schwierig, da unsere Visa nicht zeitgerecht fertig waren und uns nach Brasilien nachgeschickt hätten werden sollen. Als wir bereits unser Haus in Sao Paulo bezogen hatten, erreichte uns die Nachricht, Visa würden nicht nachgeschickt, wir müßten wieder ausreisen. Mit vielen Verhandlungen, bei denen wir das erste Mal die Bedeutung des Wortes “ jeitinho “ ( unbürokratische Möglichkeit ) kennenlernten, erreichten wir, dass uns nach der Ausreise nach Buenos Aires ein Diplomatenvisum ausgefertigt wurde. Es war eine sehr entnervende Zeit, daher verstehen wir heute umso besser, wie es Asylanten bei uns geht. Wir waren nun sozial sehr gut gestellt, aber zu Beginn stand die Integration, die uns das Anderssein bewußt machte. Umso mehr bemühten wir uns darum, auch darum, Freundschaften aufzubauen, und das mit allen Schichten der Bevölkerung. Wir trafen dabei auf unglaublich viel Freundlichkeit, und so wurde es immer leichter, sich einzugliedern. Das dürfen wir auch im eigenen Land nicht vergessen: wir sind abgesichert, und je freundlicher wir zu den Neuen sind, desto freundlicher werden auch sie auf uns zugehen.

Prof. Mag. Brita Pilshofer, BSA, Österreich


Aus der Sicht eines „Ausländers“

Danke für diesen Artikel. Er unterscheidet sich wohltuend von anderen, die statt der Analyse nur eine Meinung wiedergeben.
Besonders als Kind und Jugendlicher war ich selbst viele Jahre Ausländer, und nach meiner Rückkehr nach Österreich – nach Wien – umso mehr, weil ich natürlich im Ausland nicht „Wienerisch“ gelernt hatte.
In meiner 3. Volksschulklasse (54 Schüler) gab es durch den beendeten Prager Frühling und aus anderen Gründen einen Ausländeranteil von über 60%. Ausländerfeindliche Aktionen habe ich nur einmal, nämlich in der nächsten Schulstufe erlebt, als die Lehrerin uns sehr wohlwollend darauf aufmerksam machte, daß wir trotz der sehr unterschiedlichen Herkunft sehr gut miteinander auskommen: Nach Schulschluß gab es Prügel für die „Ausländer“. Die nächsten – und dann nachhaltigen – Diskriminierungen erlebte ich dann erst wieder in Österreich.
Die Lehren, die ich schon als sehr junger Mensch daraus gezogen hatte, waren:
Nicht WIE jemand anders ist, sondern DASS jemand anders ist, führt zur oft „nur vorsorglichen“ Machtdemonstration; dieses Verhalten finden wir bei fleischfressenden Säugetieren wohl überall.
Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Alle Schüler damals konnten mehr oder weniger akzentfrei sehr gut deutsch sprechen, die Kommunikation war gewährleistet, die ausländischen Schüler (insgesamt 9 Nationen in der Klasse) von den inländischen akzeptiert.
Toleranz kommt von Stärke. Nur wer über die eigene Kultur, die eigene Sprache und die eigenen Sitten und Gebräuche gut unterrichtet ist, kann sich Toleranz gegenüber anderen überhaupt leisten. Diese Kenntnisse bewirken allerdings, daß die ausländerfeindliche Aggression aus vermeintlicher oder tatsächlicher Schwäche in Interesse umgewandelt wird. Toleranz braucht dann nicht mehr erlernt werden, sie ergibt sich ganz selbstverständlich aus eigenem Verständnis und eigener Stärke.
Alle erlernten Verhaltensweisen, die nicht mit dem eigenen Selbstverständnis übereinstimmen, können auch wieder verlernt und vergessen werden. Dies geschieht vor allem dann, wenn es in der Wahrnehmung des Betroffenen eine Bedrohung gibt.
„Vor“-Urteile sind für den Menschen und manches Tier entwicklungsgeschichtlich eine Überlebensnotwendigkeit: Vor dem Kennenlernen, vor dem gegenseitigen Beschnuppern wird entschieden, ob es sich beim Gegenüber um Freund oder Feind handelt. Das hat allerdings nichts mit dem zu tun, was heute von Einzelpersonen oder Gruppen als „einfache Problemlösung“ angeboten wird: Hier sollen Erkennen und Denken durch das präsentierte fertige URTEIL ausgeschaltet und der betroffene Mensch für eigene Ideen und Ziele mißbraucht werden. Wir sollen diese Dinge gut voneinander unterscheiden!

Christoph Ledel, Akademischer Finanzdienstleister, Österreich

Andreas Beelmann