Ein Grundsatz der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verheißt politisch Verfolgten Asyl. Das war 1949 eine Lehre aus der Geschichte, wurde nach der Erfahrung des Nationalsozialismus als selbstverständlich akzeptiert. Die edle Geste war in der politischen Praxis lange Zeit wohlfeil, weil es keinen Ansturm fremder Menschen gab, die Asyl begehrten. Die Millionen Heimatvertriebenen bildeten eine andere Kategorie. Sie galten offiziell nicht als Fremde. Auch sie waren auf der Flucht, waren arm und mussten integriert werden. Dass dies gelang, zeigten die Möglichkeiten der Aufnahmegesellschaft. Auch zwei Millionen Flüchtlinge aus der DDR waren (politisch, ökonomisch und menschlich) jederzeit willkommen. Auch sie galten ja nicht als Fremde. Das machte den Unterschied zu Flüchtlingen aus anderen Kulturen, mit anderer ethnischer Herkunft und anderen Sitten, die aus Bürgerkriegsregionen kamen, Aufnahme begehrten, um ihr Leben zu fristen und wenigstens ihren Kindern Zukunftschancen zu geben.

Mit dem „Wirtschaftswunder“ wurden Arbeitskräfte benötigt, die zuerst in Italien, schließlich in der Türkei angeworben wurden. Die Einladung galt der Arbeitskraft, nicht den Menschen, von denen man erwartete, sie würden nach einiger Zeit wieder abreisen. In einem mühsamen Lernprozess wurde die menschliche Dimension des „Gastarbeiterproblems“ erkannt. Die Arbeitskräfte konnten Bürgerrechte erwerben.

Unerwünschten Migranten schlägt aber Abneigung entgegen. Sie werden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ diskriminiert. Wenn sie aus Afrika kommen und die tödliche Passage übers Mittelmeer bewältigt haben, droht ihnen die Deportation zurück ins Elend. Andere gelten als Bedrohung unseres Sozialsystems, obwohl ihrer Einreise kein Gesetz im Wege steht. Roma aus Rumänien und Bulgarien sind EU-Bürger, sie haben das Recht, in Deutschland oder Österreich zu leben und zu arbeiten, sind aber aufgrund uralter Vorurteile gegen „Zigeuner“ diskriminiert und lästig.

Gegen Asylbewerber, politisch Verfolgte, am Leben bedrohte Menschen werden immer höhere Schutzwälle errichtet. Die Klausel vom „sicheren Drittstaat“, in den ohne Prüfung des Asylbegehrens abgeschoben wird, soll uns Flüchtlinge vom Hals halten: Bei Bedarf werden Länder zu „sicheren Drittstaaten“ erklärt, obwohl dort die Lebensbedingungen für bestimmte Volksgruppen unerträglich sind.

Ob sie politisches Asyl begehren, ungebeten aus wirtschaftlicher Not kommen oder als Flüchtlinge aus Krisenregionen wie Syrien vorübergehend geduldet werden – sie spüren, dass sie nicht willkommen sind, dass die Mehrheit ihnen mit Vorurteilen begegnet, dass sie (nicht nur von Rechtsextremen und Rechtsdemagogen) als Feinde wahrgenommen werden.

Die Ausschließlichkeit von „fremd“ und „eigen“ ist in der modernen Welt aber längst anachronistisch. Die Exklusion von Zuwanderern durch Verteidigung der Eigenart ist ein Luxus, den sich moderne Gesellschaften nicht mehr leisten können. Es geht nicht um Tagträumereien und Illusionen. Willkommenskultur ist mühsam und zaubert das Paradies nicht herbei. Sie ist ein Gebot der Humanität jenseits der Vorurteile und Feindbilder, aber sie ist auch die kostengünstigere Alternative zur grimmigen Abwehr der „Fremden“. Zuwanderung ist ökonomisch notwendig und politisch sinnvoll. Das zu erkennen fällt freilich vielen noch schwer. Deshalb ist die Beschäftigung mit Ressentiments das erste Gebot.

Wolfgang Benz