Es ist mühsam, viele arabischsprachige Texte, dazu noch zahlreiche Videos und Bilder zu erfassen und zu studieren. Dadurch entgeht vielen, dass IS eine eigene Theologie – allgemein gesprochen – ausarbeitet, mit der IS beansprucht, die "wahren" Gläubigen zu identifizieren und alle anderen Menschen auszulesen und der Vernichtung zu überantworten.

Der Kern und untrennbare Bestandteil des IS-Denkens ist die Aussage, dass der "wahre" Islam gewaltsam zu sein hat. Als eine der wichtigsten Qualifikation des IS-Kalifen werden so auch seine Kampferfahrungen genannt. Ausdruck der Zentralität der religiös gerechtfertigten Gewalt für den IS sind auch die zahlreichen, geradezu genüsslich zelebrierten Hinrichtungen, das Fasziniertsein von Kampfbildern, das freudige Lachen der zukünftigen Selbstmordattentäter und das Lächeln, das den toten IS-Kämpfern zugeschrieben wird. All das symbolisiert die theologisch breit ausgearbeitete Theologie der Gewalt des IS. Diese Verknüpfung zeigt sich z.B. darin, dass jetzt im Fastenmonat Ramadan auf IS-Kanälen immer wieder auf die Kämpfe des Propheten verwiesen wird, um den gewaltsamen Kampf als bevorzugte islamische Handlung zu suggerieren.

IS gibt so dem IS-Islam in einer islamischen Weise Sinn, aber es nicht der Islam an sich, der diese Sinngebung bewirkt. D.h. auch, dass eine Art der Bekämpfung von IS ist, seine islamische Legitimität anzugreifen, alternative Formen, muslimisch zu sein, zu präsentieren und damit die Attraktivität der IS-Theologie der Gewalt einzudämmen.

Prof. Dr. Rüdiger Lohlker