Siegfried Frech über die Herausforderungen der Pädagogik im Kampf gegen Vorurteile

Prof. Dr. Andreas Beelmann und Prof. Dr. Anton Pelinka weisen übereinstimmend auf die Schwierigkeit hin, Vorurteile im (vor-)schulischen Bereich zu ändern oder gänzlich abzubauen; und beide warnen vor einem allzu vorschnellen Optimismus. Eine solche realistische Sicht ist zu begrüßen, entbindet verantwortungsvoll denkende Pädagoginnen und Pädagogen allerdings nicht von ihrer Aufgabe, sich gegen die „Macht der Vorurteile“ zu stellen und zu deren Beseitigung beizutragen.

Vorurteile und Machtverhältnisse bei Kindern

Die (sozial-)psychologischen Forschungsergebnisse zur Entstehung von Vorurteilen sind bekannt und sollen hier nicht erneut referiert werden. Festzuhalten bleibt, dass Kinder bereits im Alter von vier bis sieben Jahren Vorurteile entwickeln. Gerade weil Vorurteile in solch frühem Alter übernommen werden, sind sie in einem späteren Stadium mit vernunftgeleiteten Argumenten nur schwer zu hinterfragen. „Vor-Urteile“ haben ja zunächst eine durchaus positive Funktion: Sie sind eine „Orientierungshilfe“ im Alltag und erleichtern es, die Komplexität politischer oder sozialer Zusammenhänge zu reduzieren. Die Grenze zum Vorurteil ist dann überschritten, wenn „Vor-Urteile“ nicht mehr als vorläufig gelten, sondern auf Dauer gestellt werden, um auf Kosten anderer das eigene Welt- und Selbstbild zu stabilisieren und zu legitimieren.

Kinder wachsen in Einwanderungsgesellschaften auf, deren kulturelle Vielfalt es (erst noch) zu denken und zu leben gilt. Im Alltag von Kindergärten und Grundschulen ist es durchaus normal, dass auf diese Vielfalt – auf Heterogenität und Diversität – Bezug genommen wird. Kinder bemerken Unterschiede und heben sie hervor – sei es die andere Hautfarbe, die andere Religion, die fremd klingende Muttersprache, die unterschiedlichen Deutschkenntnisse und die andere Nationalität. Mit der Betonung dieser Merkmale werden Zuordnungen und Kategorisierungen vorgenommen, die markieren, wer dazugehört und wer nicht, wer einbezogen und wer ausgeschlossen wird. Solche Kategorisierungen und „Botschaften“ schaffen eine scheinbare Normalität. Spiegeln sich in ihnen doch Probleme, Regelungen und Machtverhältnisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens wider.

Herausforderungen für Bildungsinstitutionen

Damit ergeben sich drei – auch politisch konnotierte – Herausforderungen in Einwanderungsgesellschaften, denen sich Erziehungs- und Bildungsinstitutionen stellen müssen: (1) Zunächst gilt es, Vielfalt zu respektieren. Anzustreben ist ein Bewusstsein von der Eingebundenheit in die eigene Lebenswelt und Kultur sowie davon, dass andere Kinder in ihren Lebenswelten ebenso verankert sind. So lernen bereits Kinder, dass ihre Sicht der Welt nicht die einzige Perspektive ist. Beschäftigt man sich mit der vorhandenen Vielfalt von Kulturen und Lebensstilen, so gewinnt dies durchaus eine politische Dimension, weil es dabei auch um die verschiedenen und ungleichen Lebensverhältnisse geht, in denen Kinder leben. (2) Vielfalt respektieren heißt gleichzeitig, Ausgrenzung zu widerstehen. Der kritische Gehalt bei der Auseinandersetzung mit anderen Lebenswelten ist darin zu sehen, dass Dichotomien des Einteilens in „wir“ und „die anderen“ hinterfragt werden. Die Muster der Wahrnehmung und des Kategorisierens werden kritisch in den Blick genommen. Dies kann auch eine Infragestellung von scheinbar sicheren Positionen der Pull Quote FrechMehrheitsgesellschaft bedeuten. (3) Kindergärten, vorschulische Einrichtungen und Grundschulen müssen allen Kindern Bildung ermöglichen. Insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund und von Armut betroffene Kinder scheitern allzu häufig im Bildungssystem. Die internationalen Vergleichsstudien PISA (Programme for International Student Assessment) und TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) haben eklatante Defizite des deutschen Bildungssystems (z.B. Selektivität und Chancenungleichheit, Bildungsarmut und -benachteiligung von Migranten) aufgezeigt, die ohne diese internationalen Befunde so schnell nicht auf die öffentliche und (bildungs-)politische Agenda gekommen wären. Spätestens seit dem PISA-Schock im Dezember 2001 wissen aufmerksame (Bildungs-)Politiker, dass in Deutschland die Bildungschancen von Kindern besonders stark von ihrer Herkunft abhängen.

Diese drei Herausforderungen reichen weit hinaus über eine „farbenblinde“ Orientierung, die Unterschiede negiert und nicht thematisiert. Aus Unsicherheit darüber, wie man über Heterogenität und Diversität mit Kindern sprechen kann, ohne zu stigmatisieren, beschränkt man sich nur allzu gern auf das vermeintlich Gemeinsame und „alle Menschen Verbindende“. Eine andere Variante ist die „touristische“ Ausrichtung von Lernprozessen, die „anderen Kulturen“ inszeniert begegnen, das „Besondere“ und „Exotische“ herausheben. Dies gleicht einer unverbindlichen Exkursion in eine andere und eigentlich fremde Welt.

Distanz der Lebenswelten

Auch wenn es eine Provokation sein mag: Mithin eine Ursache dieser Unsicherheit ist die wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Distanz vieler Erzieherinnen, Lehrerinnen und Lehrer. Viele in diesen Berufen Tätige sind daran gewöhnt, ihre alltäglichen pädagogischen Anstrengungen unter der Maßgabe der Integration und der (kulturellen) Anpassung zu leisten. Viel zu selten machen sie sich jedoch klar, wie weit ihre Lebenswelt bzw. kulturelle Praxis von den Lebenswirklichkeiten der ihnen anvertrauten Kinder entfernt ist. Wenn sich die Lebenswelten ihrer Bezugsgruppen stark von ihrer eigenen unterscheiden, sollten pädagogische Fachkräfte sich zunächst ihre „blinden Flecken“ eingestehen und diese reflektieren. Wer selbst einsprachig ist, kann sich die Lebenswirklichkeit in nicht-autochthonen und mehrsprachigen Familien nur schwer vorstellen. Wer als Hellhäutiger unter Hellhäutigen lebt, weiß eben nicht, wie es ist, eine dunkle Haut zu haben.

Pull Quote 2Erst die Kenntnis anderer Lebenswelten ermöglicht eine tragfähige, von Empathie gekennzeichnete pädagogische Beziehung und – darauf aufbauend – vorurteilsbewusste Bildungs- und Erziehungsprozesse. Besteht eine tragfähige pädagogische Beziehung, dann können Kinder ihre Meinung frei artikulieren, ohne dass sie Sanktionen befürchten oder Angst haben müssen. Wenn Kinder Vorurteile von sich geben, handelt es sich aus der Sicht aufgeklärter Pädagoginnen und Pädagogen um irrationale Vorurteile, die ethisch verwerflich sind und einer rationalen Überprüfung nicht Stand halten. Dies ist zunächst richtig, blendet aber aus, dass es für diejenigen, die diese Denkmuster von sich geben, subjektiv plausibel ist. Wenn Kinder Vorurteile äußern, sagt dies doch aus, dass sie auf Deutungs- und Bewertungsmuster zurückgreifen, die ihnen zur Erklärung der sozialen Wirklichkeit angeboten werden. Jeder gut gemeinte Versuch, diese Vorurteile durch Argumente widerlegen zu wollen, muss deshalb mit Widerständen rechnen. Neue und gegensätzliche Informationen fordern dazu auf, subjektiv bislang als glaubwürdig betrachtetes Wissen aufzugeben. Dies produziert in aller Regel Abwehr. Das Beharrungsvermögen von Vorurteilen wird dann umso wahrscheinlicher, wenn auf vorurteilsbehaftete Äußerungen moralisierend reagiert wird. Problematisch ist, dass bei Belehrungen von oben herab Ausgrenzung praktiziert wird.

Eine Sisyphusarbeit?

Trotz all dieser Vorbehalte und Dilemmata – die im Übrigen allen Erziehungs- und Bildungsbemühungen innewohnen – sollten pädagogische Anstrengungen, die sich redlich um die Beseitigung von Stereotypen und Vorurteilen bemühen, keine Geringschätzung erfahren. Die Alternative wäre nämlich, letztlich nichts zu tun! Der Begriff „Sisyphusarbeit“ meint ja eigentlich eine Strafe. Aber vielleicht ähnelt die Aufgabe von Sisyphus der der vorurteilsbewussten Bildung, die einer täglich neuen Herausforderung gleichkommt. Und es zeigt sich eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Sisyphus und der im Bildungsbereich Tätigen: Pädagoginnen und Pädagogen können, dürfen nicht aufgeben – obwohl sie wissen, dass sie niemals ankommen. Vorurteilsbewusste Arbeit mit Kindern ist ein permanenter Lernprozess: „Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen“ (Albert Camus).

Siegfried Frech, 13. 12. 2012


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Wer strebend sich bemüht, den können wir erlösen
Als Kosmopolitin ( Arbeit mit ILO, Linguistin, Arbeit in Brasilien ) kann ich nur unterstreichen, dass man Lebenssituationen nur vollständig verstehen kann, wenn man sie selbst einmal erlebt hat und sich eine Entwicklung zugesteht im Leben, die durchaus auch den eigenen Standpunkt verändern kann. Darauf sollten zukünftige und im Beruf stehende LehrerInnen vorbereitet sein. Das heisst meiner Meinung nach auch, dass sie die Möglichkeiten erhalten sollen, selbst einmal andere Kulturen anders als nur “ touristisch “ zu erleben. Moralisierendes Verhalten entsteht aus einer gewissen Oberflächlichkeit, die zwar auf kognitive Erkenntnisse Rücksicht nimmt, aber nicht von Herzen kommt.Dabei müssen wir uns auch überlegen, ob Weltoffenheit wirklich nur den EU- Raum betrifft. Über den Tellerrand zu schauen, bedeutet, den Begriff des “ Global Village “ bewusst in seine Gedankenwelt zu lassen, um Kinder aus anderen Kulturkreisen dort abholen zu können, wo sie sich befinden ( und das ist oft wesentlich entwickelter als die landläufige Vorstellung ) und sie durch das Beispiel des Lehrenden von Vorurteilen, die ihnen gegenüber gehegt werden, zu befreien. So kann Vorurteilen, die oft an Kinder durch ihre sozio- kulturelle Umgebung, vielfach bedingt durch atavistisches Schutzverhalten der Erwachsenen, besser begegnet werden.

Prof. Mag. Brita Pilshofer, BSA, Österreich

Siegfried Frech