Klaus Ahlheim über Zusammenhänge von Erziehungsstil und fremdenfeindlichen Einstellungen.

Fremdenfeindliche Einstellungen, die Abwehr alles irgendwie Fremden und Anderen, sind, wie verschiedene Studien zeigen, in den europäischen Gesellschaften weit verbreitet und, oft verbunden mit einem starken Nationalstolz, keine guten Voraussetzungen für ein Europa, das von einer umfassenden ökonomischen Krise bedroht ist. Natürlich werden fremdenfeindliche Vorurteile auch durch aktuelle ökonomische Entwicklungen bestimmt und aktiviert, gewiss sind fremdenfeindliche Gesinnung und Aktionen oft auch ethnisch maskierte Konflikte und Folgen einer restriktiven Flüchtlings- und Einwanderungspolitik; gleichwohl spielt in diesem Kontext der subjektive Faktor eine erhebliche Rolle: Das Vorurteil ebnet den Weg zu Ausgrenzung und Gewalt.

Autoritärer Charakter

Als Adorno in seinem berühmten, vielzitierten Rundfunkvortrag »Erziehung nach Auschwitz« von 1966 die nötige »Wendung aufs Subjekt« erläuterte, stellte er neben die Forderung einer allgemeinen, d. h. auch politischen, Aufklärung eine andere ins Zentrum seiner pädagogischen Erwägungen: »Erziehung« hielt er fest, »wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion«, und fuhr dann fort: »Da aber die Charaktere insgesamt, auch die, welche im späteren Leben die Untaten verübten, nach den Kenntnissen der Tiefenpsychologie schon in der frühen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung, welche die Wiederholung vermeiden will, auf die frühe Kindheit sich zu konzentrieren.« Adorno ist hier noch ganz geprägt von seinen eigenen »Exil-Studien« zum »Autoritären Charakter« in den USA der 1940er Jahre.

Bereits im Jahr 1952 veröffentlichten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer – Horkheimer hatte die Forschungsabteilung des American Jewish Committee organisiert und auch das Programm der Forschungen zum Vorurteil mit entworfen – in Deutschland dann einen kleinen Aufsatz in den »Frankfurter Heften«, der die Ergebnisse der »Studien über Autorität und Vorurteil« einer etwas größeren Öffentlichkeit vorstellte, weil dieses Werk »das gegenwärtige Deutschland ernstlich« angehe. Der »totalitäre Charaktertyp«, so fassen die beiden Autoren zusammen, erweise sich »insgesamt als relativ starre, unveränderliche, immer wieder auftretende und überall gleiche Struktur, auch wenn die politischen Ideologien noch so verschieden sind … Die Gesamtstruktur des totalitären Charakters … ist wesentlich gekennzeichnet durch Autoritätsgebundenheit«, und diese Autoritätsgebundenheit bedeute »in einer Zeit, in der die alten feudal-religiösen Autoritäten geschwächt sind, die bedingungslose Anerkennung dessen, was ist und Macht hat, und den irrationalen Nachdruck auf konventionelle Pull Quote AhlheimWerte, wie äußerlich korrektes Benehmen, Erfolg, Fleiß, Tüchtigkeit, physische Sauberkeit, Gesundheit und entsprechend auf konventionelles, unkritisches Verhalten. Innerhalb dieses Konventionalismus wird hierarchisch gedacht und empfunden: man verhält sich unterwürfig zu den idealisierten moralischen Autoritäten der Gruppe, zu der man sich selber rechnet, steht aber zugleich auf dem Sprung, den, der nicht zu dieser gehört oder den man glaubt für unter einem stehend ansehen zu dürfen, unter allerhand Vorwänden zu verdammen. Die populäre Wendung von der Radfahrernatur trifft den autoritätsgebundenen Charakter recht genau.« Adorno und Horkheimer beenden ihre kurze Darstellung mit den programmatischen Sätzen: »Die Studien, von denen hier die Rede war, erwecken die Selbstbesinnung, während zugleich die Kenntnis der verwundbaren Zonen des totalitären Charakters es erlaubt, die wirksamsten gesellschaftlichen und psychologischen Gegenmittel systematisch zu erproben. Die Einsicht in die Tiefendimension des sozialen Vorurteils und des Gruppenhasses kann für weitausgreifende, schon in der frühen Kindheit ansetzende Erziehungspläne fruchtbar gemacht werden. Es ist unsere Absicht, uns in kommenden Arbeiten mit dieser Aufgabe zu befassen.«

Natürlich haben sich, bei uns vor allem als Folge der sogenannten 1968er Bewegung, im privaten und öffentlichen Bereich die Erziehungsvorstellungen zum Teil dramatisch verändert; ob die Erziehungsrealität dem wirklich entspricht, kann man mit Fug und Recht bezweifeln. Aber die zahlreichen, oft aperçuhaften und dem Zeitgeist huldigenden Abgesänge auf die Studien zum autoritären Charakter waren so wohl verfrüht.

Was zeigen empirische Ergebnisse?

Wir haben in Essen das Gegenkonzept zur Kälte der autoritären Erziehung, den »wärmenden« Erziehungsstil einer »Erziehung zur Mündigkeit« zum Gegenstand einer kleinen empirischen Studie gemacht und in vier Kategorien erfasst: Liebevolle Zuneigung; demokratische Berücksichtigung der Ansicht aller Familienmitglieder, einschließlich der Kinder; Orientierungssicherheit durch zuverlässiges Verhalten; und schließlich Gewaltfreiheit. Das empirische Ergebnis war ebenso eindeutig wie eindrucksvoll:

  • Während von den Jugendlichen, die ihre Erziehung als liebevoll erlebt haben, 10 Prozent fremdenfeindlich eingestellt sind, zeigen von den nicht liebevoll erzogenen Jugendlichen 18 Prozent eine fremdenfeindliche Einstellung.
  • Jugendliche, deren Erziehung gewaltfrei verlief, neigen seltener zu fremdenfeindlichen Orientierungen (11 Prozent) als Jugendliche, die von ihren Eltern geschlagen wurden (15 Prozent).
  • Jugendliche, die das Familienklima als demokratisch beschreiben, stimmen fremdenfeindlichen Aussagen seltener zu (9 Prozent) als jene, deren Meinung zu Hause nicht gefragt war (14 Prozent).
  • Einen besonders deutlichen Einfluss zeigt die Zuverlässigkeit des elterlichen Erziehungsverhaltens: Der Anteil fremdenfeindlich eingestellter Jugendlicher ist unter jenen, die das Erziehungsverhalten ihrer Eltern als zuverlässig beschreiben, nur etwa halb so groß (8 Prozent) wie unter Jugendlichen, die ihre Eltern als unberechenbar erlebten (15 Prozent).

Bündelt man die Erziehungsmerkmale zu einem Erziehungsstil, den wir »akzeptierend-zuverlässig« genannt haben, wird das Ergebnis noch eindeutiger: Von den Jugendlichen, die liebevoll und demokratisch und zuverlässig und gewaltfrei erzogen wurden, zeigen nur 5 Prozent eine fremdenfeindliche Einstellung, während von den Jugendlichen, auf deren Erziehung keines der vier Merkmale zutrifft, 22 Prozent fremdenfeindlich eingestellt sind. Eine akzeptierend-zuverlässige Erziehung kann der Neigung zu fremdenfeindlichen Orientierungsmustern also offenbar durchaus entgegenwirken.

Man muss solche empirischen Ergebnisse als Hinweis verstehen, dass eine gelungene frühkindliche (nicht nur familiale) Erziehung eine wichtige Rolle spielen kann bei der Prävention von fremdenfeindlichen Vorurteilen. Aber ein erfolgssicheres Patentrezept ist die frühkindliche Erziehung, wie es die aktuelle bildungspolitische Debatte bisweilen misszuverstehen scheint, nicht. Grund jedoch für pädagogischen Optimismus sind die Befunde allemal, vor allem, wenn man ein anderes, deterministisches Missverständnis vermeidet: Frühkindliche Erziehung prägt, aber sie prägt nicht unabänderlich. Gerade die Jugendphase ist eine Zeit, in der bisherige Einstellungen und Rollenmuster aufgebrochen und gewissermaßen neu „justiert“ werden, eine Zeit des möglichen Abschieds von bislang dominierenden negativen Prägungen und Einflüssen und entsprechend – für Jugendarbeit und Schule besonders wichtig – eine Zeit der neuen Lernchancen.

 

Prof. Klaus Ahlheim, 11. 03. 2013

Klaus Ahlheim