Am 4. November vor 25 Jahren wurde der israelische Premierminister Yitzak Rabin kaltblütig ermordet. Mit ihm ist leider auch der von ihm eingeleitete Friedensprozess gestorben. Bis heute ist dieser tot, und es bestehen Zweifel, ob beziehungsweise wann er wiederbelebt werden kann.

Yitzak Rabin war kein "Friedensapostel". Er hielt sich lange an das von ihm überlieferte Gebot von Staatsgründer Ben Gurion hinsichtlich der Palästinenser: "Vertreibe sie" ("Drive them out"). Aber er hatte sich gewandelt und erkannt, dass Friede zwischen Palästinensern und Israelis, zwischen Arabern und Juden möglich sei. Allerdings hatte er nicht mit so viel Hass aus den eigenen Reihen gerechnet.

Yitzak Rabin, Shimon Peres und Yassir Arafat – ein ungleiches Trio

Rabin hatte zwei Gegner: Der eine war sein innerparteilicher Widersacher Shimon Peres. Dieser war ihm zu weich und friedensbewegt. Im Gegensatz zu Rabin habe ich Peres oft getroffen – in Brüssel, Straßburg, aber auch in Israel. Verzweifelt suchte er nach Wegen zu einem dauerhaften Frieden, bei Wahrung der israelischen Interessen, vor allem bedingungsloser Sicherheit. Ich erinnere mich noch gut, wie er im Parlamentsrestaurant auf einer Serviette eine Brücke von der Westbank zum Gazastreifen aufzeichnete. So sollte eine Verbindung zwischen den beiden palästinensischen Gebieten hergestellt werden, ohne israelischen Boden und vor allem Siedlungsgebiete zu berühren.

Peres wurde ins höchste politische Amt Israels gewählt, konnte aber keines seiner Friedensziele erreichen. Die Gegner einer Friedenslösung waren zu stark. Vielleicht sahen auch die durchaus friedensbereiten israelischen Wählerinnen und Wähler in ihm einen zu kompromissbereiten Politiker. Das war ja auch die Kritik von Rabin.

Yassir Arafat war als militanter Chef der Palästinenser Rabins Hauptgegner. Insbesondere in der ersten Intifada versuchte Rabin hart zurückzuschlagen: "By force, by might, by beating." Er soll sogar intern gemeint haben, man müsse den Palästinensern die Knochen brechen. Arafat, den ich auch mehrmals getroffen habe, war ein charmanter Vertreter seines Volkes. Nicht immer jedoch war ich von seinem Friedenswillen überzeugt. Allerdings: Die Israelis haben es ihm nicht leicht gemacht, vor allem auch Rabin nicht.

Aber schließlich hat auch er versucht, zu einem Friedensabkommen zu kommen. Doch der Streit um die politische Rolle Jerusalems hat das Scheitern besiegelt. Keine der beiden Seiten wollte auf Jerusalem als Hauptstadt verzichten. Zu viel an – religiöser – Ideologie und Nostalgie war und ist mit dieser Stadt verbunden.

Rabin war als Militär weniger an Ideologie als an Sicherheit interessiert. Er hat letztendlich aus der Fruchtlosigkeit der militärischen Auseinandersetzung gelernt. So meinte er: "Wir können den Kampf fortsetzen. Wir können weiter töten und getötet werden. Aber wir können auch versuchen, diesen niemals endenden blutigen Zyklus zu stoppen. Wir können dem Frieden eine Chance geben." Aufgrund dieser Haltungsänderung kam es 1993 zum Osloer Abkommen, und in der Folge bekam Rabin mit seinen beiden Gegenspielern Peres und Arafat den Friedensnobelpreis.

Wandel ist möglich, aber auch persönlich gefährlich

Manche können auch heute noch nicht den Wandel in Rabins Haltung akzeptieren. Die fanatischen Nationalisten können Rabin seinen "Verrat" an der jüdischen Sache nicht verzeihen. So wie viele indische Nationalisten Mahatma Gandhi dessen versöhnliche und tolerante Haltung allen Religionen und Kulturen gegenüber nicht verzeihen können. Auch heute noch sehen viele seine Ermordung als gerecht und notwendig an. Selbst ein Mord kann extreme Fanatiker nicht zum Umdenken bewegen. Mord bedeutet ihnen sogar Befriedigung und eine Aufforderung zum Weitermachen.

Andere wieder – auf arabischer Seite – können dem "frühen" Rabin nicht verzeihen, mit Gewalt gegen Palästinenser vorgegangen zu sein. So sagte erst kürzlich die linksgerichtete Abgeordnete der Demokraten, Alexandria Ocasio-Cortez, ihren Auftritt bei einer Veranstaltung zu Ehren von Rabin ab, nachdem fanatische Palästinenser Rabin wegen seiner gewaltsamen Handlungen gegenüber Palästinensern gebrandmarkt hatten.

Es ist also eine Illusion, zu glauben, dass der Wandel von Gewalt zum Frieden alle überzeugen kann, selbst auch den friedlichen und versöhnlichen Weg zu gehen. Und das gilt vor allem auch für den jetzigen israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu.

So meint Ori Nir in der israelischen Zeitung "Haaretz": "Wenn die Linke in den USA sich weigert, sich an Rabins Friedensschluss mit den Palästinensern zu erinnern, so verhelfen sie Netanjahu und der Rechten in Israel zu einem Sieg." Für Nir werde Rabin "noch immer ermordet". Und so verlange der Mord vor 25 Jahren noch immer nach der Vollstreckung des Testaments von Rabin: eines Friedens zwischen Israelis und Palästinensern – in Israel selbst und in den palästinensischen Gebieten.

Wann wird Rabins Versprechen eingelöst?

Die jüngst geschlossenen Abkommen zwischen Israel und einigen arabischen Staaten
ändern an der ungelösten Frage der palästinensischen Staatlichkeit nichts. Solange Palästinenser keine mit anderen Menschen in der Region vergleichbaren Rechte und Chancen haben, wird der Konflikt immer wieder aufflammen.

Ohne Ausgleich und Frieden zwischen allen BewohnerInnen Israels und Palästinas wird das nicht gehen. Rabin, Arafat und Peres sind tot. Auch friedensorientierte Autoren wie Amos Oz leben nicht mehr. Aber der Friede harrt noch seiner Wiederbelebung.

(Autor | Hannes Swoboda | Dieser Artikel erschien am 04.11.2020 auf DerStandard.at)

 

Hannes Swoboda