In den letzten Tagen haben verschiedene, die Rechten würden sagen „linksliberale“ Gruppen das Denkmal des ehemaligen Wiener Bürgermeister Karl Lueger besetzt  und zum Teil mit Farbe bemalt bzw. beschmiert - je nach persönlicher Ansicht. Nun ist es kein Geheimnis, dass Lueger ein Antisemit war. Die Welle der Demonstrationen nach dem Tod von mehreren Schwarzen, vor allem von Georg Floyd in den USA hat die antisemitischen Äußerungen von Karl Lueger wieder in Erinnerung gebracht. Aber Karl Lueger war nicht nur Antisemit, sondern hat als Bürgermeister auch Großes für Wien geleistet. Ich will jetzt nicht abwiegen, was schwerer wiegt. Da bedarf es ausführlicher und sachlich geführter Debatten. Dann kann man auch entscheiden, wie man mit dem Denkmal, dass für ihn errichtet wurde, umgehen kann und soll.

Bei der Betrachtung und Bewertung vergangener Schandtaten sollte man aber nicht vergessen und übersehen, dass wir auch heute noch - und vielleicht sogar wieder stärker - dem Antisemitismus in Österreich begegnen. Da mischt sich der überlebende, österreichische Antisemitismus mit einem importierten. Was immer auch die Wurzeln sind, es gilt ihn zu bekämpfen - so wie jede Form des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und der Homophobie. Dass aus historischen Gründen der Antisemitismus in Österreich eine Sonderposition einnimmt und wir da eine besondere Verantwortung haben, möchte ich gerne unterstreichen.

Man hilft aber dem Kampf gegen den Antisemitismus nicht, wenn man jegliche Kritik an Israel und vor allem an der gegenwärtigen Regierung als antisemitisch diffamiert. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat dazu in mehreren  Beiträgen gesagt, was zu sagen ist. Ein Beispiel für diese Art mit Israel Kritik umzugehen war die Replik auf den jüngsten Artikel von Hanno Loewy seitens Thomas M.Eppinger. Selbstverständlich bezieht sich die Kritik am Verhalten gegenüber den Palästinensern und den Arabern in Israel vornehmlich auf die gegenwärtige Regierung, aber nicht nur. Gerade dieser Tage ist die Studie „Looting of Arab Property in the War of Independence“ des israelischen Historikers Adam Raz erschienen. Die jüngste Anerkennung von Israel durch einige arabische, autoritär regierte Länder - die ich begrüße - ändert nichts an den Menschenrechtsverletzungen in diesen Ländern selbst und in Israel.

Überzeugend in der Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus ist man nur, wenn man sich ernsthaft und ohne Scheuklappen mit der Vergangenheit und auch deren Schattenseiten und Schandtaten auseinandersetzt - wie dies viele israelische Historiker und Schriftsteller tun. Das stärkt den moralischen Anspruch Israels mehr als Verleugnen und demagogischer Nationalismus. Und eine ernsthafte Auseinandersetzung braucht Österreich auch mit dem Antisemitismus eines Karl Lueger. Vergessen wir aber nicht den heute wieder grassierenden Antisemitismus, aber auch da braucht es ernsthafte Analysen, um ihn an den Wurzeln zu bekämpfen. Das Sir Peter Ustinov Institut wird sich in den nächsten Monaten - gemäß diesen Grundsätzen- besonders mit diesem alten, aber immer wieder nachwachsenden Übel beschäftigen.

Hannes Swoboda