Vorurteile

Definitionsversuche

Vorurteile sind das Resultat eines Bedürfnisses, Komplexität zu
vereinfachen. Gerade politisches Verhalten baut – wie z.B. Seymour Martin Lipset immer wieder analysiert hat – auf einer Verkürzung von Sachverhalten. Individuelles Wahlverhalten z.B ist nicht das Resultat eines umfassenden, rationalen Abwägens eigener Interessen und verschiedener politischer Angebote, sondern unvermeidlich die Resultante aus lang- und kurzfristigen Sozialisationsfaktoren, von denen nur ein Teil reflektiert und bewusst ist. Das Verhalten geht von einem vermeintlichen Wissen aus, das aber vielfach Scheinwissen und in diesem Sinne Vorurteil ist.
Die Beschäftigung mit Vorurteilen kann nicht Kampf gegen Vorurteile schlechthin heißen, das käme einem Kampf mit Windmühflügeln gleich; sondern einer ständigen Aufforderung, die Max Webers Verständnis von Politik ähnlich ist: die eigenen vermeintlichen Urteile in ihren gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen zu erkennen. Es ist das mühsame Bohren dicker und harter Bretter, mit Leidenschaft und mit Augenmaß.

Anton Pelinka
Professor of Nationalism Studies and Political Science
Central European University, Budapest

Aus allgemeiner Perspektive

Vorurteil, ein relativ starres und häufig von größeren gesellschaftl. Gruppen vertretenes (negatives oder positives) Urteil über Gegenstände, Vorstellungen, Personen oder Gruppen ohne Überprüfung an objektiven und bereits bekannten Tatbeständen und Informationen, d.h. ohne begründeten Wahrheitsanspruch. Es dient der psych. Entlastung des Urteilenden in Situationen, die durch Mangel an Orientierung Angst erzeugen und mit der Feststellung der eigenen gesellschaftl. Stellung dem Abbau von Unsicherheit in sozialen Handlungsfeldern. Gruppen-V., mit denen eigenes Unvermögen dadurch kompensiert wird, dass dieses auf Fremdpersonen oder -gruppen, insbes. fremde Völker, rass., religiöse oder nat. Minderheiten und/oder deren Wertsysteme verlagert wird, werden oft durch Manipulation vermittelt oder bestärkt.

Meyers großes Taschenlexikon in 24 Bänden, herausgegeben und bearbeitet von der Lexikonredaktion des Bibliographischen Instituts, Mannheim/Wien/Zürich, aktualisierte Fassung 1983, Band 23, S. 274.

Vorurteil, die unkritische Übernahme von Ansichten, Meinungen und Erwartungen ohne ausreichende persönl. Urteilsbildung oder Kenntnis und Erfahrungsbasis. Beim sozialen V. wird auf Grund äußerer Merkmale (z. B. Hautfarbe, Sprechweise, Zugehörigkeit zu best. Gruppen, Kleidung) auf damit zusammenhängende Charaktereigenschaften geschlossen, die zusammengefasst ein Stereotyp (Klischee) bilden. I. e. S. wird unter V. speziell die nicht sachlich begründete negative Einstellung gegenüber anderen Personen (Minderheiten) verstanden, die mit Feindseligkeit oder Aggressivität (Diskriminierung) verbunden sein und zu sozialen Konflikten führen kann. Ein V. kann die Benachteiligung der Betroffenen bewirken und dadurch die Bedingungen für seine Bestätigung schaffen. Im Bildungsbereich können sich V. als schichtenspezif. Bildungsbarrieren auswirken. Positive V. bestehen meist gegenüber der eigenen Gruppe (Autostereotype), aber auch gegenüber Berufsständen mit hohem Sozialprestige. V. haben häufig den Charakter von Normen, so dass die Gruppenzugehörigkeit durch gemeinsam geteilte V. dokumentiert wird. In Krisensituationen steigt in der Regel die V.-Bereitschaft an. Eine „funktionale“ Deutung sieht in V. auch eine Entlastung, insofern sie eine „Ordnung“ in die Komplexiät sozialen Erlebens bringen.

Der große Brockhaus in zwölf Bänden, Wiesbaden 1981, Zwölfter Band, S. 184.

Vorurteil, mehrdeutiger Begriff, mit dem im psychologischen, soziologischen und pädagogischen Sprachgebrauch vor allem vorgefasste, gefählsbeladene negative Urteile über Gruppen gemeint sind, welchen die Urteilenden nicht angehören. In solchen Vorurteilen – die gelernt werden – werden allen zu einer Fremdgruppe gezählten Personen klischeehaft und stereotyp gleiche Eigenschaften zugeschrieben. Dabei kann es sich um reale soziale Gruppen (z.B. alle Mitglieder der Familie X), um reine Merkmalsgruppen (z.B. alle Frauen, alle Menschen einer Hautfarbe), selbst um äußerlich schwer oder gar nicht identifizierbare Personengruppen (z.B. die Katholiken) handeln. Vorurteile können Klein- oder Großgruppen, im sozialen Nahraum wahrnehmbaren, dort gar nicht vorhandenen, mithin ganz fremden, ja völlig fiktiven Gruppen (z.B. dem „Weltjudentum“) gelten. Sie werden vielfach als Bestandteil einer verfestigten Einstellungs- und Persönlichkeitsstruktur, so des „autoritären Charakters“, verstanden. Vorurteile können jedoch auch ganz unabhängig davon in Gruppen erzeugt und verbreitet werden, wenn diese mit anderen Gruppen konkurrieren oder in Konflikt geraten. Vorurteile erzeugen nicht nur Konflikte, sondern Konflikte erzeugen auch Vorurteile. Diese finden nicht zuletzt dort Resonanz, wo die eigene Gruppe wegen einer Fremdgruppe tatsächlich oder vermeintlich irgendwelche Nachteile erleidet.

Forum Politische Bildung (Hg.), Dazugehören? Fremdenfeindlichkeit, Migration, Integration (= Sonderband der Schriftenreihe Informationen zur Politischen Bildung, Studien Verlag, Innsbruck/Wien 2001, S. 158.

Aus soziologischer Perspektive

Vorurteil, für die Einstellung u. das Verhalten gegenüber Gegenständen, Sachzus.hängen, Personen, Kollektiven verbindl. u. damit starres, längerfristig Orientierung abgebendes Urteil, ohne dass der unbeteiligten Person die objektiv bereits vorhandenen Informationen u. Erklärungen über die beurteilten Phänomene ausreichend bekannt sind bzw. von ihr entspr. berücksichtigt werden. Nicht die Tatsache, dass das V. ein falsches, in seinem Wahrheitsanspruch relativ leicht abweisbares sowie voreiliges u. unzulässig generalisierendes Urteil ist, sondern dass gegenüber rationaler Erfahrung u. angebotener Information an ihm festgehalten wird, hat es zu einem erstrangigen Forschungsproblem der Soziol. werden lassen. (…) Der Inhalt des V.s ist in der Regel wertend-moral., indem der Urteilende sich selbst u. seiner Eigengruppe gegenüber positive V.e. entwickelt. Das V. hat hier die Funktion, durch Generalisierung der eigengruppeninternen Verständigungskategorien den Binnenkonsensus zu stärken u. gleichzeitig durch Abwertung und Diskriminierung von Fremdgruppen das Selbstwertgefühl u. die Vorstellungen von der moral. Integrität u. damit Überlegenheit der Eigengruppe zu verstärken. In der Regel wird dabei auch das Gefühl des persönl. oder eigengruppenhaften Ungenügens in der Weise kompensiert, dass man es auf die zu Feinden stilisierten Fremdgruppen projiziert. Diese werden darüber hinaus auch für Unsicherheit u. Risiko, schlechte Lebensverhältnisse u. eigenen sozialen Misserfolg als die eigentl. Schuldigen, aber schwer erkennbaren u. greifbaren Elemente (Verschwörertheorie) verantwortl. gemacht. In diesem Zus.hang spielt die Erforschung u. Entstehung sozialer u. polit. Auswirkungen von rassischen, ethn., nationalen u. weltanschaul. fixierten V.en insbes. gegenüber sozialen Minderheiten eine große Rolle. (…)

Aus: Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, 4. überarbeitete und ergänzte Auflage, Alfred Kröner Verlag, Stuttgard, 1994, S. 914.

Viele Menschen bleiben starr bei einem vorgefassten Urteil ohne dieses an der Realität auf seine Richtigkeit zu überprüfen. Sie halten z.B. jeden Schotten für geizig, jeden Italiener für musikalisch und jeden Deutschen für fleißig. (…) Vorurteile können auch als sich selbst erfüllende Prophezeiungen wirksam werden. Wer z.B. Juden oder Schwarzen aufgrund seiner V.e ablehnend gegenübertritt, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit dann auch im Umgang mit Leuten aus diesem Personenkreis Erfahrungen machen, die ihn in seiner vorgefassten Meinung bestätigen. Verhängnisvoll kann sich die immer wieder zu beobachtende Erscheinung auswirken, dass ein Individuum, dem man mit einem V. gegenübertritt, dieses V. für sich übernimmt und sein Erleben und Verhalten dann entsprechend ausrichtet.

Aus: Hillig, Axel, Schüler-Duden. Die Psychologie, 2. neu bearbeitete Auflage, hg. von Meyers Lexikonredaktion, bearbeitet von Axel Hillig, Duden Verlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1996, S. 439f.

Aus psychologischer Perspektive

Vorurteil, Extremform sozialer Einstellungen, die relativ starr ist und Veränderungseinflüssen gegenüber stabil bleibt. Stereotype Urteile sind vorschnell und lassen diskrepante neue Erfahrungen nicht zu. Sie entstehen auf der Basis unzureichender Realitätsprüfungen und haben den Charakter der Globalbeschreibung der eigenen Person (Autostereotyp) oder anderer Personen oder Gruppen (Heterostereotyp). Stereotype Sichtweisen erleichtern die Orientierung durch Vereinfachung der Informationsvielfalt, durch reduktive Vernachlässigung der Realität. Stereotype Vorstellungen sind emotional eingefärbt und bewertend.

Aus: Tewes, Uwe / Wildgruber, Klaus (Hg.), Psychologie-Lexikon, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, R. Oldenbourg Verlag, München/Wien 1999, S. 377.

Aus Perspektive der Politischen Bildung

Vorurteile sind starre, meist negative und ablehnende, oft feindselige Einstellungen gegenüber einzelnen oder Gruppen, denen aufgrund fehlerhafter Verallgemeinerung bestimmte „wesenhafte“ Eigenschaften und „typische“ Verhaltensweisen zugeschrieben werden. (…) Vorurteilsvolles „Denken“ arbeitet mit einem stets ähnlichen Inventar von Stereotypen und Klischees, vor allem aus der „Mottenkiste“ ethnozentristisch-nationalistischer Weltanschauungen. (…) Vorurteile entziehen sich dem Versuch der Wahrheitsfindung, verweigern sich den Kriterien von logischer Stringenz und politischer Rationalität.
Vorurteile entlasten. Sie schaffen eine Feindwelt, die für einzelne und große Gruppen der Bevölkerung als eine krisenhaft empfundene Wirklichkeit – auf Kosten von Fremden, Außenseitern und Minderheiten – erträglicher macht. Für persönliche und gesellschaftliche Schwierigkeiten, für Zukunftsangst und ökonomische Krisen werden Sündenböcke verantwortlich gemacht und die anderen, die Fremden, die Ausländer etc. als vermeintlich Schuldige attackiert.
Besonders wichtig für die politische Bildung: Vorurteile stabilisieren auch Herrschaft, lenken ab von den wahren Ursachen gesellschaftlicher Missstände – und von den Verursachern. Aus Vorurteilen werden Geschichtslügen gemacht und Ideologien gezimmert, weshalb man Ideologie auch als Herrschaft des Vorurteils bezeichnet hat.
Vorurteile sind bequemes Nicht-denken-Müssen und Nicht-denken-Wollen in unbequemer Lage und Zeit, immun gegenüber Tatsachen und Argumenten (…).
Vorurteile sind so stabil, weil sie im „psychischen Haushalt“ des einzelnen eine wichtige Rolle spielen. (…) Der Vorurteilsvolle zeichnet sich in der Regel auch durch übersteigerten Nationalismus aus, verficht die Ideologie der natürlichen Ungleichheit, neigt zu Schwarz-Weiß-Denken, das mit einer klaren Vorstellung von Oben und Unten, Gut und Böse, Stark und Schwach verbunden ist, hängt an autoritären Orientierungsmustern (…).
Eine politische Bildung, die durch Vermittlung politischen Wissens eine als bedrohlich und unüberschaubar erlebte Wirklichkeit analysiert und strukturiert, die ideologiekritisch Wirklichkeitsverklärungen und -verfälschungen entgegenarbeitet, macht tendenziell den Rückgriff auf Vorurteile überflüssig, wehrt schließlich dem bequemen Denken, das ohne Stereotype und Schwarz-Weiß-Malerei nicht auskommt (…).

Prof. Dr. Klaus Ahlheim
Aus: Hufer, Klaus-Peter (Hg.), Außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung (Lexikon der politischen Bildung, hg. von Georg Weißeno, Band 2), Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Ts., 1999, S. 240-242.

Der Vorurteilsbegriff ist (…) wesentlich durch seinen normativen, moralischen Gehalt bestimmt. Demnach unterscheiden sich Vorurteile von anderen Einstellungen nicht durch spezifische innere Qualitäten, sondern durch ihre soziale Unerwünschtheit. Als Vorurteile erscheinen also nur soziale Urteile, die gegen anerkannte menschliche Wertvorstellungen verstoßen, nämlich gegen die Normen :
– der Rationalität, das heißt, sie verletzen das Gebot, über andere Menschen nur auf der Basis eines möglichst sicheren und geprüften Wissens zu urteilen (…)
– der Gerechtigkeit (Gleichbehandlung), das heißt, sie behandeln Menschen oder Menschengruppen ungleich (…)
– der Mitmenschlichkeit, das heißt, sie sind durch Intoleranz und Ablehnung des Anderen als eines Mitmenschen und Individuums gekennzeichnet, ihnen fehlt das Moment der Empathie, ein positives Sich-Hineinversetzen in andere Menschen (…)
Vorurteile sind demnach stabile und konsistent negative Einstellungen gegenüber einer anderen Gruppe bzw. einem Individuum, weil es zu dieser Gruppe gerechnet wird.
Auf Grund dieses normativen Gehalts sind Vorurteile nicht absolut, sondern nur relativ auf ein bestehendes Wertsystem hin zu definieren, nämlich als Abweichung von den Wissens- und Moralstandards einer Gesellschaft. (…) Da Vorurteile eng mit dem positiven Selbstbild, mit dem Eigennutz und mit Gruppenkonflikten verbunden sind, gibt es zumeist keine dritte „objektive“ Partei, sodass der Wahrheitsgehalt der Urteile strittig bleibt. (…) Das Erkennen von Vorurteilen hängt demnach von der Fähigkeit und der Bereitschaft ab, die eigenen Urteile und Bewertungen kritisch auf ihre Rationalität, ihre Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit zu prüfen und die möglicherweise abweichenden Perspektiven anderer einzubeziehen. Dass man gewF6hnlich von seinen eigenen (Vor-) Urteilen fest überzeugt ist, zumal wenn sie wichtige Züge der eigenen Person betreffen, ist ein Hinweis darauf, dass die DCberwindung von Vorurteilen ein langwieriger und schmerzhafter Prozess des Umlernens ist, da er oft mit der Aufgabe von Dominanz und nicht gerechtfertigten Privilegien verbunden ist (…)

Aus: Bergmann, Walter, Was sind Vorurteile , in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Vorurteile – Stereotypen – Feindbilder ( Informationen zur politischen Bildung Heft 271), Bonn 2001